Horst-Oliver Buchholz (in: Sommergras95)

Blüte in Lettland

Von Riga aus führt eine der wenigen breiten Straßen südostwärts ins Landesinnere. Die Straße ist hier noch asphaltiert; wir fahren lange durch ein ebenes Land, das grün ist und weit. Der Himmel, sofern er blau ist, scheint hier höher als anderswo. Wir biegen ab auf einen Schotterweg, ich wähne mich bald am Ziel. Doch Kilometer um Kilometer, gleich eine Stunde lang, rumpeln wir träge durch Wiesen, verlassene Felder und Haine, in denen zumeist Birken grünen. Es sind keine Zäune zu sehen. Die Schotterroute wird zum gelehmten Weg; wir fahren weiter, lange Strecke und weiter, bis nach einer Biegung unversehens das Gehöft zwischen alten Linden erscheint. Der Hof, einstmals Scholle einer Sippe, ist verlassen jetzt. Nur eine alte Frau lebt hier noch und ihr Sohn, der sich um sie kümmert. Sein Bart ist grau.

Störche kehren heim –
munter fiepst die Brut im Nest.
Der Tag war lang

Zu Fuß gehe ich zwischen Haus und hölzernen Verschlägen über Grasnarben und schwarze Erde. Hier und dort spiegeln Pfützen meine Schritte. Hinter einer verbeulten Scheune steht, von Gestrüpp bedrängt, das Wrack eines Mähdreschers. Der rote Lack ist ermattet, die Antriebskette liegt gebrochen, es blüht der Rost. Zwischen den Schneidezähnen vorne finde ich eine hingewehte Blume. Ich frage nach dem Namen, bekomme eine lettische Antwort, die ich nicht verstehe – aber die Blume leuchtet blau, und die Augen des Sohnes blicken freundlich in mein Unverständnis.

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Erscheinungsjahr: 2011
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