Christof Blumentrath & Gabriele Hartmann, bon-say-verlag

Das weiße Album – Renhai

Erscheinungsjahr: 2020

2020 im bon-say-verlag, 48 Seiten, Naturpapier, 21 x 21 cm, Hardcover, Fadenbindung, ISBN 978-3-945890-34-9, 14 €
nur zu beziehen im bon-say-verlag

Inhalt:

Weitere Informationen

Textproben, Inhaltsverzeichnisse, Bibliographische Angaben, Bezugsquellen (Nicht alle Elemente gleichzeitig vorhanden)

30 Renhai und 11 Fotografien
Das weiße Album der Beatles stand Pate für das gleichnamige Buch mit Renhai von Christof Blumentrath & Gabriele.
Der jeweilige Song-Titel (T) findet seinen Platz als erste Zeile des zweiten Verses. Der erste Autor verfasst sowohl den ersten (dreizeiligen) Vers als auch die zweite Zeile des zweiten (zweizeiligen) Verses. Danach schreibt der zweite Autor den (dreizeiligen) Abschlussvers. Auf eine Überschrift wurde bewusst verzichtet … doch auch das sind nicht viel mehr als trockene Worte, die den Prozess des Schreibens beschreiben. Die beiden Autoren ließen sich von den Song-Texten inspirieren und haben diese doch frei interpretiert.

Rezension

Beate Conrad schreibt in ihrem
Feature auf chrysanthemum.com am 28 im Oktober 2020

Das weiße Album – eine Rezension

Christof Blumentrath & Gabriele Hartmann: Das weiße Album. 30 Renhai und 11 Fotografien. Naturpapier. 21 x 21 cm. Hardcover. Fadenbindung. bon-say-verlag Höchstenbach, 2020. 48 Seiten. 14 €. ISBN: 978-3-9458 90-34-9. www.bon-say.de
Kettengedichte, also Gemeinschaftsdichtungen, bilden die Urquelle des Haiku, insbesondere das Tanrenga 1. Deren Entwicklung im alten Japan war kompliziert, aber auch beliebt. So verwundert es kaum, dass bis in unsere Tage hinein nicht nur das Haiku Wandlungen durchmacht, sondern ebenfalls die Gemeinschaftsdichtung. Ist es doch meistens die Form, die Veränderungen geradezu herausfordert. Und das gilt für alle Bereiche der Kunst.
1992 entwickelte der Amerikaner Garry Gay das Rengay2 mit dem Ziel, eine vereinfachte und kürzere Form der Renkudichtung mit sechs Versen zu schaffen bei vergleichsweise überschaubaren Verknüpfungsregeln. Themen für diese Art der Gemeinschaftsdichtung können sich im Schreibablauf ergeben, aber ebenso zuvor festgelegt werden. Das Rengay verbreitete sich relativ schnell im Westen als eine der beliebtesten Formen der Gemeinschaftsdichtung.
Bei dem von dem Kanadier Vaughn Seward und der Russin Zhanna P. Rader in 2007 aus dem Rengay entwickelten Renhai3 ist die Anzahl der Strophen halbiert. Anders als sonst üblich, gibt nun der Mittelvers die Aufbaurichtung vor, der von zwei Personen geschrieben und mit jeweils einem Haikuvers ergänzt wird. Dabei werden die gleichen Verknüpfungsregeln wie beim Rengay eingesetzt, wobei nun aber Vor- und Rückbezüge erlaubt und sogar forciert sind. In dieser Komposition besitzt der Mittelvers eine zentrierende Funktion. So ergibt sich einerseits das übliche Fortschreiten innerhalb der Verse und andererseits der betonte Haikucharakter des Renhais als eine Gesamteinheit mit vielen Querverbindungen um das zentral gesetzte Thema.
Mit „Das weiße Album“ stellen Christof Blumentrath & Gabriele Hartmann dreißig Renhai und elf selbst aufgenommene Fotografien in Buchform vor, für das das gleichnamige Album der Beatles4 Themengeber war. Schon rein äußerlich überschneidet sich die Ästhetik der Alben mit der fernöstlichen des Haikai in schwarzweißer Zurückhaltung. Die haikuesk-minimalistisch reduzierten Schwarzweißbilder der beiden Autoren verleihen ihren verdichteten Worten eine visuell verstärkende Dimension.
Zur literarischen Form des Renhai gesellt sich die dem Beatles-Album betont offensichtlich entliehene inhaltliche Struktur. Denn Hartmann und Blumentrath wählten nicht nur den gleichen Titel für ihr Buch, sondern übernahmen ebenfalls die dreißig Songtitel für ihre Gedichte. D. h., jeder einzelne Titel wurde in der zentralen Zeile eines jeden Renhais zitiert und sogar graphisch hervorgehoben. Das derartige Zitat wird zu einem durchgehenden Stilelement, wobei die Abfolge und Anzahl der Gedichte im Buch wiederum der Songabfolge und -anzahl des Beatles-Albums entspricht.
Die beiden Autoren wagen einen disziplinübergreifenden „Remix“, nicht in sichtbaren Noten und hörbaren Melodien, sondern in Form des poetischen Lieds und der begleitenden Fotografie. Wer die Songtexte des Beatles-Albums gut kennt, sie noch im Ohr hat, wird an vielen Stellen bemerken, wie sich deren Inhalte mit den neuen, gemeinsam gedichteten Miniaturen überlagern, sie durchsetzen und verschmelzen. Wie die Gedichte ihnen aber auch widersprechen, sich von ihnen lösen und eigene Wendungen nehmen. Nicht zu vergessen, die vielfältigen Verbindungen, die, typisch für eine Kettendichtung, den Leser herausfordern, sie zu entdecken und zu entschlüsseln.
Der Leser, der weniger oder nicht mit der Beatles-Musik vertraut ist, wird eine für sich stehende Lyrik vorfinden, die genre-gemäß von dem Alltagserleben und den poetischen Sichtweisen der Autoren geprägt ist. Er wird erst zweitrangig die übernommene Struktur des Beatles-Albums und deren Implikationen entdecken wollen, da sie am Buchende immerhin erwähnt wird.
Das nachfolgende Renhai lässt deutlich – neben der zentralen Titelzeile – und ganz natürlich auch assoziative Anknüpfungspunkte an den Songtext durchblicken. Dennoch bekommt der Leser nicht einfach „die Beatles auf Renhai“ serviert. Der jeweilige Song, obwohl sein Titel äußerlich zentraler Themengeber ist, stellt kein notwendiges Entschlüsselungswerkzeug dar. Aber er bereichert und vertieft, indem er ganz genre-gemäß zur Vielschichtigkeit der kollaborativen Kurzgedichtfolge beiträgt. Im nachfolgenden Gedicht untermalt der Song unterschwellig mit seinem wiederholenden Chor in der Morgentraumstimmung mit dem Fortschreiten der Zeit den Übergang des Spielerischen hin zum verfänglicheren Ernst des Lebens:
sieben Uhr früh
die Sonne reißt die Decke
von der Stadt
Dear Prudence
ihr wehendes Haar
verfangen
in der Skyline — wir denken
unsern Traum zu Ende
CB T CB GH
Es zeigt sich, daß Gemeinschaftsdichtungen keinesfalls rein der geselligen Unterhaltung dienen. Sie fördern vielmehr die eigene Disziplin, das sprachliche Ausdrucksvermögen und das Formverständnis innerhalb des gesetzten Rahmens und Genres. Zugleich deutet sich in ihr die Spontanität und das Können der Beteiligten an. Das vorletzte Renhai – meine Nummer eins unter den dreißig Renhai – nimmt z. B. auf ganz eigene Weise die Stimmung der gleichnamigen experimentellen Klangcollage auf, die den 68er Fluxus-Zeitgeist widerspiegelt, übersetzt sie jedoch in eine kulturhistorisch andersartige Bildersprache mit reichhaltiger szenischer Darstellung. Es entsteht ein ausgewogenes Gedicht, wo Anfangs- und Endpunkt in eins fallen:
wie ich mich drehe
und wende: Satan starrt
aus dem Spiegel
Revolution 9
geht einfach weiter, Frau Lot
dort!
ein Faden Lametta
im Osterfeuer
GH T GH CB
Durch die Beziehungen und impliziten Verknüpfungen in Leserichtung, einschließlich der von Vers eins nach drei und zurück betrachtet, ergibt sich in diesem Gedicht ein „panta rhei“ der Mächte durch die Zeiten wie ein Spiegel im Spiegel, was fernöstlicher Anschauung des Flüchtigen, des ständigen Werdens und Vergehens durchaus entspricht.
Collagen, Crossover, auch Sampling und „Remixe“, ob innerhalb einer Disziplin oder auch interdisziplinär, sind für unsere Zeit typisch, aber nicht leicht. Denn sie sollten im Geist des Originals gehalten sein und trotzdem eine eigene Handschrift tragen. Im vorliegenden Fall verbindet sich idealerweise beides in Form der verschiedenen Leseebenen, Titelzitate und Anspielungen.
Das weiße Album von Gabriele Hartmann und Christof Blumentrath liefert etwas, das in der Widersprüchlichkeit einer jeden Remix-Kunst liegt: nämlich ein eigenständiges Zitatwerk. Und das ist hier durchaus gekonnt umgesetzt, so dass die gewählte enge Form nicht nur diszipliniert, sondern gleichermaßen seinen Gehalt mit Neuem belebt und zu tieferer Einsicht erweitert. Das Endergebnis ist eine spritzige Kombination aus wiederbelebten und neuen Inhalten, unterlegt mit audialen und visuellen Effekten.
__________
[1] Tan: kurz, ren: Kette, ga/ka: Lied, Dichtung.
[2] Ren: Kette, hier Kürzel für Kettendichtung; -gay: der Nachname des Erfinders Garry Gay.
[3] Ren: Kette, Kürzel für Kettendichtung; hai: kurz für Haiku.
[4] Das weiße Album ist der inoffizielle, aber gängige Name des im November 1968 veröffentlichen Doppelalbum der Beatles. Ein Album mit 30 Songs, schlicht in weiß gehalten und mit ihrem Namen versehen. Obgleich kommerziell erfolgreich, verbirgt sich hinter dem Beatles-Album weniger das gewohnte Konzert- oder Konzeptalbum als vielmehr eine lockere und divers diskutierte Song-Zusammenstellung verschiedenster, individualistisch geprägter Musikstile, die teils ihrer Zeit voraus waren, die allerdings auch das Ende der Schaffensperiode der Beatles als Musikband erahnen ließ.
Quellen:
Garry Gay on Rengay, North Carolina Haiku Society, 2006, online: https://www.nchaiku.org/pdf/RengayWriting.pdf
Vaughn Seward: Renhai, a New Verse Form, Frogpond 32.2, 2009, online: http://www.hsa-haiku.org/frogpond/2009-issue32-2/essay.html

***

Brigitte ten Brink schreibt:

Das einzige Doppelalbum der Beatles, erschienen im November 1968 und wegen seines schlichten weißen Covers auch The White Album, „Das Weiße Album“ genannt. Ein Mix aus vielen verschiedenen Musikstilen und der Beginn ihres Auseinanderlebens. Auch wenn das Album kommerziell sehr erfolgreich war, nicht alle Songs entsprachen den Hörgewohnheiten einiger damaliger (und vielleicht auch noch heutiger) Beatles-Fans, zu scheinbar willkürlich aneinandergereiht waren die Songs nach den zuvor erschienenen Konzeptalben „Seargent Pepper“ und „Magical Mystery Tour“.

Nun liegt es vor mir – Das weiße Album, nicht auf Vinyl, sondern in Buchform. Quadratisch weiß mit schwarzen Linien, die an Sonagramme erinnern. Der Titel und die Autorennamen sind rot gehalten.

Gabriele Hartmann (GH) und Christof Blumentrath(CB) haben miteinander Renhai geschrieben, dreißig an der Zahl, mit den Titeln der dreißig auf dem Album enthaltenen Songs als jeweilige Startzeile des zweiten Verses (T), mit dem ein Renhai immer beginnt. Einer der Autoren (GH bzw. CB) schrieb die zweite Zeile des Startverses sowie den ersten Vers, der andere ergänzte den dritten Vers.

kalter Krieg
die verstreuten Dörfer
tief verschneit

Back in the USSR
noch nicht geschmolzen: der Schnee

Blick hinüber
am Ufer festgefahren
sein Papierschiffchen

GH T GH CB

Muss man die Songs nun kennen, um dieses Buch zu mögen? Muss man die Melodien und die Texte im Ohr haben? Die Antwort ist ein klares „Nein“. Die Fäden, die Gabriele Hartmann und Christof Blumentrath rund um die Songtitel spinnen und zu komplett neuen Texten verweben, stehen für sich.

Auch ich kannte den größten Teil der Songs auf diesem Album nicht, weil ich mich noch nie durch das komplette Album gehört habe. Aus reiner Neugierde habe ich mir aber dann doch alle Texte des Albums aus dem Internet heruntergeladen und gelesen. Wer will, kann in den Renhai assoziative Anknüpfungspunkte an die Lieder entdecken. So zitieren die Beatles, bzw. John Lennon als Autor, zum Beispiel in dem Lied „Glass Onion“ die „Strawberryfields“ und andere ihrer Songs. Ich persönlich habe die Erdbeerfelder als „endlose Felder / in changierendem Rot“ (GH) wiedergefunden. Und im letzten Vers hat derjenige, der „sein letztes Puzzleteil“ (CB) in den Händen hält den Song mit all seinen Anspielungen zusammengesetzt:

endlose Felder
in changierendem Rot
das 7. Universum

Glass Onion
zerbrochen nun: Zeit und Raum

zweimal gedreht
sein letztes Puzzleteil
Abendzwielicht

GH T GH CB

Um die Renhai dieses Buches zu genießen, braucht es kein Hintergrundwissen. Es ist nicht notwendig, sich durch dieses Werk der Beatles zu arbeiten, um sich daran zu freuen oder auch in Staunen versetzen zu lassen, wie es Gabriele Hartmann und Christof Blumentrath immer wieder gelingt, rund um die Songtitel eigene Werke zu spinnen.

Ich gehe allerdings davon aus, dass die Beiden sich das Album angehört haben und sich auch von der Musik inspirieren ließen, besonders bei den Liedern, die textlich nicht viel hergeben, wie z. B. „Revolution 9“ und „Good Night“, die beiden letzten Titel des Albums. „Revolution 9“ ist eine experimentelle Klangcollage, ein musikalisches Inferno mit gesprochenen Textfetzen. Daraus wurde eines meiner Lieblings-Renhai in diesem Buch:

wie ich mich drehe
und wende: Satan starrt
aus dem Spiegel

Revolution 9
geht einfach weiter, Frau Lot

dort!
ein Faden Lametta
im Osterfeuer

GH T GH CB

Und der Titel des Lullaby „Good Night, Sleep Tight“ inspirierte zu dem Renhai

Sommerabend
ihr Körper riecht
nach Pferd

Good Night
auf die Stirn geküsst

den Scheitel
der Himmelsleiter krönt
ein Hufeisenmond

CB T CB GH

Diese Renhai von Gabriele Hartmann und Christof Blumentrath berühren, indem sie Platz lassen für die eigene Phantasie und Raum geben für das ganz persönliche Empfinden, denn der Sinn eines Textes entwickelt sich und entsteht während seiner Rezeption.

Und nicht nur die Renhai berühren. Die in Grautönen gehaltenen kunstvollen Fotografien, surrealistisch abstrahierte Sujets von Gabriele Hartmann und fast unwirklich anmutende Schneebilder von Christof Blumentrath, faszinieren als kühle und geheimnisvolle Begleiter der in den Renhai festgehaltenen Geschichten.

Rüdiger Jung schreibt:

Die Ko-Autoren sind seit 2016 ein eingespieltes Team im Verfassen von Renhai, aber auch Tan-Renga, Renga, Haiga. Unter den bisherigen Renhai, die Gabriele Hartmann mit verschiedenen lyrischen Partnern verfasste, sticht dieser Band durch die Zahl der Texte (30!) sowie die anspruchsvolle bibliophile Gestaltung hervor. Eindringliche, teils rätselhafte Bilder in schwarz-weiß treten zu den zugrundeliegenden Musikstücken und den abgedruckten Partnerdichtungen in einen anregenden Trialog.

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