Sigrid Mertens (in: Vierteljahresschrift 69)

Der Rosenstrauch

Schnurgerade strebt der schmale Pfad vom Parkplatz auf das Wäldchen zu. Wir schlängeln uns vorbei an wild wucherndem Buschwerk. Äste strecken sich aus, zerren an meinen Kleidern und am Hundefell. Mit spitzen Stacheln hindern sie uns am Weitergehen. In der sommerwarmen Brise schwanken Brennnesseln auf schlanken Stielen hin und her. Dem
Hund scheinen sie nichts anzuhaben. Er beschnuppert ausgiebig ihren brennenden Flaum.
Von Menschen hinterlassene Tretminen, teils frisch und weich, teils schon getrocknet, fordern meine ganze Aufmerksamkeit. In dem Bemühen, nicht hinein zu treten, kleben meine Augen auf dem Weg und die Brennnesseln erhalten ihre Chance. Kein Vogelruf verschönt die Rastplatztristesse. Lediglich einförmiges Rauschen weht von der Autobahn zu uns herüber.

Autofahrerblues.
Spiel das Lied von freier Fahrt.
Am Sonntag – vielleicht.

Hund, noch bis zur Bank in der Lichtung dort, dann gehen wir zurück.
Mein Fuß stößt an zerbeulte Coladosen. Ich steige über gebrauchte Tempotücher und spiele Fußball mit zusammengeknüllten Safttüten. Fressgierig untersucht mein Hund ketchupverschmierte Pappteller.
Seitlich blitzt etwas Rosarotes auf. Ich löse meine Blicke vom Waldboden und schaue mich um. Mit andächtigem Staunen betrachte ich den Rosenbusch: Stolz steht er im ringsum verstreuten Menschenmüll. Seine weit geöffneten Blüten sind der Sonne zugewandt und mit Taudiamanten besprenkelt.

Nahe beim Rastplatz.
Zwischen Müll und Kot – erblüht
ein Rosenwunder.

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Erscheinungsjahr: 2005
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