Ruth Franke (in: Vierteljahresschrift 67)

Die Pappel

Fast 40 Jahre hat sie erlebt, die große Pappel im gegenüberliegenden Garten. Ganz klein war sie, als wir hierher zogen, zuletzt überragte sie die umstehenden Häuser. Wie oft haben wir geschimpft, wenn sie uns unzählige gelbe Blätter vor die Tür warf, in trockenen Sommern manchmal schon im Juli. Aber der Wind brachte ihre Blätter zum Rauschen, wie nur Pappeln es können, und wir lauschten ihren Geschichten. Im Herbst sammelten sich abends ziehende Schwalben in ihren Zweigen. Ganze Schwärme fingen wie auf Kommando an zu zwitschern, um ebenso plötzlich zu verstummen.
Die Pappel sei zu alt, sagten die Fachleute, und gefährde bei Sturm die umliegenden Häuser. Heute, an einem kalten Februarmorgen, haben sie ihr einen Strick umgelegt, und der mächtige Baum fiel in wenigen Minuten.

Aschermittwoch
zwei Hansele tanzen
beim Lüften im Wind

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Erscheinungsjahr: 2005
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