Ramona Linke (in: Sommergras73)

Die Sonne im Rücken

Es war an einem Frühlingstag im Mai 1974. Die Klassenfahrt anlässlich der Jugendweihe nach Berlin war Pfl icht. Mit meinen Mitschülern zog ich fröhlich »Unter den Linden« entlang. Wir mussten zur Neuen Wache und wollten danach die Quadriga sehen. Dieses Ziel war unerreichbar.
Barrikaden aus Kanthölzern und Stacheldrahtrollen, Soldaten der Grenztruppen der DDR, samt ihren Kalaschnikows, versperrten den Weg.
Unsere suchenden Blicke nach der Welt hinter der Mauer und dieses eisige Schweigen werde ich nie vergessen. Danach besuchte ich Berlin erst wieder nach der Wende, mit meinem Sohn.

Auf dem Weg zurück
der Klang
meiner Schritte

Heute komme ich bestimmt zweimal im Jahr in die Hauptstadt. Mich treibt eine Sehnsucht, dieses Fernweh nach Nähe. Das markante Surren der S-Bahn. Aussteigen am Bahnhof Zoo. Nicht der Kudamm ist mein Ziel, sondern das Blau der Gedächtniskirche. Nach einiger Zeit fi nde ich mich jedes Mal im Labyrinth der Skyline des Potsdamer Platzes, ein Snack in der Sushi-Bar und Rote Grütze bei ›Gosch‹. Und die Gewissheit treibt mich weiter. Nur noch in eine Richtung,
nachdenklich vorbei am Stelenfeld. Die Sonne im Rücken bleibe ich einen Moment stehen. Meine Frage nach dem »Warum?«. Gedanken an Großvater. Im Weitergehen spüre ich, wie mein Pulsschlag sich erhöht. Immer wieder jene Anspannung vor dem Date mit dem alten Mädchen. Es steht am gewohnten Platz und ich muss – hindurch … Brandenburger Tor – jedes Mal dieses Zögern
Ab jetzt keine Eile mehr. Langsam überkommt mich ein Gefühl von Geborgenheit und Ankommen. In der Mitte bleibe ich stehen. Meine Hände berühren vorsichtig die raue Fläche des Mauerwerks.
Ich schließe die Augen und schäme mich nicht.

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Erscheinungsjahr: 2006
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