Christiane Haen-Ranieri, Eleonore Nickolay (Übersetzung)

En quête de lumière / Auf der Suche nach Licht

Erscheinungsjahr: 2020

Illustriert von Aline Palau-Gazé
zweisprachig französisch-deutsch
Ins Deutsche übersetzt von Eleonore Nickolay
Softcover, 138 Seiten
Éditions unicité, Saint-Chéron, 2020
ISBN 978-2-37355-448-9

Inhalt:

Mit diesem neuen Haikubuch lässt uns die Autorin Christiane Haen-Ranieri an Erinnerungen teilnehemen, die mit dem Hinschied ihrer blinden Eltern verbunden sind. Jedes Haiku weist uns auf unsere eigene Anwesenheit hin. Denn die Autorin erfasst die unterschiedlichen Momente in einer großen Einfachheit, die den Nagel auf den Kopf trifft. Diese Sammlung ist, könnte man sagen, eine Form eines autobiografischen Berichts. Wenn viele Haiku-Bücher blitzlichtartig Momente aus dem Leben beschreiben, so wählt die Autorin dem umgekehrten Weg, indem sie uns das Innerste beschreibt, das sie ihrem Vater gegenüber noch immer empfindet. Paradoxerweise lassen ihre Haiku ein neues Licht auftauchen, das einem seelisch-geistigen Bereich verbunden ist. Sie gehen mit ihrer Gefühlstiefe über das eigentliche Wort hinaus. Die Illustrationen stammen von Aline Palau-Gazé. Sie verleihen den Texten eine zusätzliche Intensität und weisen darauf hin, dass die Kunst des Haiku viele Wege findet, eine Realität kennen zu lernen und sie zu interpretieren. Eleonore Nickolay übersetzte mit großem Einfühlungsvermögen ins Deutsche.

Rezension

Als ich nach einem langen Wanderwochenende, angefüllt von der Klarheit der Natur, das Buch von Christiane Haen-Ranieri in den Händen hielt, sprach mich der Titel „Auf der Suche nach Licht“ unmittelbar an, so als griffe etwas wie selbstverständlich ineinander.
Auf der Rückseite des Buches las ich dann überraschenderweise: „Mit diesem neuen Haiku-Buch gibt Christiane Ranieri Einblick in Erinnerungen an ihre blinden Eltern […] Während die meisten Haiku-Bücher Dinge aus einem Augenblick heraus beschreiben, beschreitet Christiane hier den umgekehrten Weg und spürt der Innenwelt des Vaters nach.“ Damit waren nicht nur meine besondere Aufmerksamkeit, sondern auch meine Emotionen geweckt!

frissons sur ma peau
effleurant l’alphabet braille
mes souvenirs s’éveillent S. 29
Schauder auf meiner Haut
ich streiche über das Braille-Alphabet
meine Erinnerungen erwachen

Und so streift Ranieri durch ihre Erinnerungen, nimmt dabei die Leser*innen mit, schlägt einen Bogen beginnend in ihrer Kindheit, über Abschied nehmen, Umzug der Mutter, Altenheim bis hin zur Covid-19-Pandemie und mit jedem weiteren Haiku werden die Figuren der Eltern lebendiger, der Tastsinn wird zum Sehsinn … am Ende glaubt man sie fast zu kennen, diese beiden besonderen Menschen, denen man nie begegnet ist.
Vater und Tochter waren unzertrennlich: „Ich war sein Augenlicht, er mein Gedächtnis.“ Und dieses intensive Band ist in jedem der Haiku spürbar! So ist das Buch nicht zuletzt auch eine Hommage an ihren Vater geworden: stark, berührend und zärtlich.

route des vins –
de zigzag en zigzag
suivre mon père S. 37
Weinstraße –
von Zickzack zu Zickzack
meinem Vater folgen

sur un air de Schumann
ses doigts butinent
un bouquet de roses S. 77
zu einer Schumann-Melodie
seine Finger wie Schmetterlinge
auf einem Strauß Rosen

Es bleibt stets eine besondere Form von Feingefühl spürbar, das hin und wieder mal mit Humor, mal mit Hoffnung und Freude einhergeht und auch die ergreifendsten Momente des Lebens mitzutragen scheint. Das Festhalten des Augenblicks und dabei den Leser*innen die Freiheit belassen, darüber hinaus weit mehr zu empfinden – dieses Charakteristikum des Haiku erzeugt hier in Ranieris Haiku wirkungsstark ein anderes, ein neues Licht.

Auf 138 Seiten erleben die Leser*innen den Alltag der Autorin mit Höhen und Tiefen, Zärtlichkeit, Stolz und tiefen Empfindungen, die über die Worte hinausgehen – Ranieri hat dafür das für sie perfekte Genre Haiku gefunden. Man beginnt, die Bedeutung der Braille-Schrift zu erkennen, stellt sich immer wieder vor, mit den Händen zu sehen, und konzentriert sich bewusst auf Gerüche, denen viel zu wenig Bedeutung beigemessen wird, wenngleich sie uns stärker beeinflussen, als wir glauben.

livres braille –
d’une vieille malle s’échappe
l’odeur de mon père S. 117
Braille-Bücher –
dem alten Koffer entweicht
Vaters Geruch

Eingerahmt werden die Haiku einerseits von einem Vorwort von Félix Boulé, der darin die Sammlung treffend umschreibt: „Denn es ist da, das Licht, immer präsent beim Lesen des Buches, das Christiane ihren blinden Eltern widmet, Licht bereits im Titel und Licht das letzte Wort des Gedichtbandes“, und anderseits von einem Nachwort von Daniel Py.

cécité –
mais qui donc a éteint
la lumière? S. 129
Blind –
wer hat bloß
das Licht gelöscht?

Christiane Ranieri stammt ursprünglich aus Wittenheim im Elsass. Da ihre Eltern blind waren, gewöhnte sie sich schon als Kind daran, auf kleinste Details zu achten. Reisen haben ihre Sensibilität für die reichen Nuancen eines Augenblicks erhöht und fast schon wie selbstverständlich entwickelte sich eine Leidenschaft für Kunst, Fotografie und Poesie. Mit „En quête de lumière / Auf der Suche nach Licht“ ist nun ihre zweite Haiku-Sammlung erschienen (2017: „Fragments de vie en trompe l’œil“ – Haiku und Senryū).
Eleonore Nickolay, gebürtige Deutsche und seit 1985 in Frankreich lebend, schreibt selbst Haiku und hat mit großem Einfühlungsvermögen die Übersetzung übernommen (eine Herzensangelegenheit, wie sie selbst sagt), die sich als wunderbar, gelungene weitere Bereicherung dieses Buches erweist.
Besonders erwähnt werden müssen an dieser Stelle noch die Illustrationen von Aline Palau-Gazé, da sie eine Ergänzung besonderer Güte darstellen. Palau-Gazé ist Malerin und Haiku-Dichterin und damit par excellence eine ideale Ergänzung; ihre Bilder strahlen Eigenständigkeit aus und gehen doch gleichzeitig wie selbstverständlich eine Symbiose mit den Haiku ein. „In Zeichnung und Malerei strebt sie an, die Wahrnehmung der Welt ähnlich auszudrücken, wie wir es aus der Musik und Lyrik kennen.“

Ein Haiku, das mich besonders angesprochen hat?

maison de retraite –
à l’envol du papillon
elle soupire S. 119
Altenheim –
beim Auffliegen des Schmetterlings
seufzt sie

Resümee: Ein rundum starkes Werk – mehr als lesenswert!!
– Claudia Brefeld

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