Dieter W. Becker (in: Vierteljahresschrift 61)

Erbsen zählen – zwischen Aschenputtel und Butterfly

Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Ja, das waren noch Zeiten.
Da konnten sogar die Tauben noch zwischen Gut und Schlecht unterscheiden. Auf dass der Brei schmeckt. Und Erbsen waren reichlich vorhanden.
Doch es war vor langer, langer Zeit, als im Fernen Osten, dort wo die Sonne herkommt, Samurai und Geishas fröhlich miteinander lebten. Und da Fröhlichsein allein auf die Dauer zu langweilig wird, erfanden sie die Poesie. Damit aber genug Zeit für das Fröhlichsein bleibt, machten sie es mit der Poesie ziemlich kurz. Kurz gesagt, sie kamen schließlich bei einer Spalte an. Die nannten sie Haiku. Aber was sie da an inneren Werte reingepackt haben. Heute noch bleibt da den Germanisten ob des Kondensationsgrades die Spucke weg. Es wäre ja alles gut geworden, aber leider, leider hatten die Kameraden von der fröhlichen Feldpostnummer vergessen, in die Gebrauchsanweisungen für den Wilden Westen, dort wo die Sonne untergeht, die Haiku-Abmessungen in Silbeneinheiten genau mit anzugeben. Und so nahm das Schicksal seinen chaotischen Lauf. Als der Wahrheit letzter Schluss wurde quasi in UNO-Manier, folgendes Statement favorisiert: „Sage mir, wie viel Silben Du zählst und ich sage dir, dass Du nichts verstanden hast“.
Ja, ja die Silben. Sie wurden zum formalen Credo hochgewuchtet. Es entstanden, literaturpolitisch gesehen, in etwa drei Gruppierungen: Haiku-Silber mit ca. 10 – 16 Silben.
Fundi-Silber mit exakt 17 Silben. Gott schütze Deutschland!
Hochpotenzler mit 18 und mehr Silben.

Dax
Profit
nix

Im Dunstkreis von Börsen gibt es noch einige Tiefpotenzler, deren Silbenzahl offenbar an den DAX-Kurs gekoppelt ist. Streng proportional. Da im Augenblick auch der japanische Nikkei ziemlich weit nach unten geht, operieren diese Haikuisten mit sinkender Tendenz der Silbenzahl, gegen Null. Unter Zugrundelegung der beiden Kurse ist es aber offenbar gelungen, jeder Silbe eine Doppeldeutung zu geben. Mit steigender Prosperität und jubelndem Aufschwung des DAXes wird sich dieses Phantom dann von selber eliminieren und als Mangel-Heikuh in die Geschichte eingehen.
So wurden solide Grundlagen für heftige Debatten in den Trainingscamps der Haikuisten gelegt. Nur zwei Gruppen allein würden zu einer Polarisierung der HaikuFrage führen. Dieses stünde im Widerspruch zu der Antipolarität japanischer Kunstformen. Wenn es bei der Schöpfung nach den Japanern gegangen wäre, hätte die Erde drei Pole. Fragen Sie da die Ikebanier.
Aber wie werden die Silben denn nun gezählt? Nein, so einfach zählen ist zu ungenau und wird der Weltbedeutung des Haiku nicht gerecht.
„ Die Würde des Haiku ist unantastbar.“
Natürlich könnte ein Taschenrechner benutzt werden, aber Haiku hat etwas mit Natur zu tun und nicht mit Technik. Für Senryu sind aber elektronische Geräte durchaus angebracht.
Empfohlen wird der „Original Ostfriesische Finger-Additeur “. Immer den Fingern nach und laut gezählt. Hierfür ist ein Trainingsprogramm sinnvoll. Am einfachsten geht es mit einem Schlüssel an einer Eisenstakete entlang: Ping eins, päng zwei, ping drei etc.. Das Tempo steigern und schneller laufen. Bevor sie jedoch mit dem Trainingsprogramm beginnen, bestimmen Sie in einer Haikuisten-Verfügung, bei welchem Seelenklempner Sie auf die Couch gelegt werden möchten. Sonst landen Sie bei R.-R., bekommen einen Literaturschock und schreiben nur noch Romane.

die Silbendeutung
im Märchen ist grenzenlos,
voller Phantasien

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Erscheinungsjahr: 2003
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