Peter Janßen (in: Sommergras72)

Junge Amsel

Eines Morgens hockt draußen vor dem Haus eine junge Amsel auf dem Boden – bewegungslos. Nach einer Weile erhebt sie sich zitternd und dreht sich unsicher im Kreis. Aus ihrem Schnabel, der sich matt öffnet und schließt und wieder öffnet, quillt ein Blutstropfen. Ihre Augen sind geschlossen, nur manchmal schieben sich die Lider langsam auf, und sie blickt benommen geradeaus. Offenbar ist die Amsel kurz zuvor, fehlgeleitet durch die sich im Fensterglas spiegelnde Sommerlandschaft mit blauem Himmel, Wolken und Bäumen, gegen die Scheibe geprallt und herabgestürzt. Jetzt wankt sie und fällt still zur Seite. Ihr Köpfchen liegt am Boden. Neben ihrem Schnabel bildet sich eine kleine Blutlache.
Die Beinchen mit den abgespreizten Zehen sind schräg nach oben gereckt. Der Körper zuckt im Todeskampf. So geht es eine Weile – dann ist es vorbei. Die Amsel rührt sich nicht mehr. Nur die Federn auf ihrer gefleckten Brust werden vom Wind bewegt.

Der kleine Vogel,
eben noch leicht in der Luft,
tot nun am Boden.

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Erscheinungsjahr: 2006
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