Udo Wenzel (in: Sommergras83)

Menschenflug

Wie schwierig es ist,
den Menschen auszuweichen
am Jahresende!

Aus dem Fenster fliegend, riefst du mir zu: »Vergiss nicht, die Blumen zu gießen.« »Nein, nein« lächelte ich hinterher und dachte, sie müsste mich doch eigentlich längst kennen. Blumen gießen. Ein Vogel kreuzte ihre Bahn. Groß wie ein Boot. Ja, dachte ich, mitfliegen, das wäre eine Sache. Eine andere wäre es, stehen zu bleiben, einmal, mitten im Gedränge des Weihnachtsmarktes und die Knuffe zu spüren, die Schubser, Stöße, Tritte beim Stürzen, wenn Passanten auf mich fielen, mehr und mehr und mehr, bis ein Berg auf mir läge aus Weihnachtseinkäufern und Weihnachtseinkäufen. Tief im Innern verborgen wäre ich, meine Magenhöhle würde ich aufblähen über die Maßen, Platz schaffen wär‘ die Devise. Es röche ein wenig säuerlich, bevor ich Luft hereinließe und es mir bequem machte. Vielleicht, wenn du vorbeikämst mit Blumen in deiner Hand, die so seidig glänzten, wie ich es mir von deinem Haar immer gewünscht habe, vielleicht würde ich dich zu mir herein bitten.
Ich ließe dich Platz nehmen auf einer Geschwulst und wir würden wieder einmal unsere kalten Hände aneinander wärmen. Befunde würde ich Dir zuflüstern und meine Werte. Zwischen uns ständen nur die Blumen und wenn du zu später Stunde wieder hinausflögest, würdest du mir hinterherrufen: Vergiss nicht, die Blumen zu gießen. Nein, nein, lächelte ich dir hinterher. Wer kennt sich schon wirklich?

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Erscheinungsjahr: 2008
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