Thomas Berger

Möwen im Gleitflug. Haiku

Erscheinungsjahr: 2000

2. Aufl. 2000, Kelkheim (Taunus), 80 Seiten, Broschur, 9,50 EUR, ISBN 978-3-926604-04-0, nur über den Verfasser zu beziehen: autor.thomasberger@gmail.com

Inhalt:

Die Gedichte des deutschsprachigen Bandes orientieren sich am japanischen Haiku. Das Haiku thematisiert vor allem den Zusammenklang von Natur und Mensch in konkreten Empfindungssituationen.
Die Ausrichtung an der literarischen Gattung einer fremden Sprache birgt eine Reihe von Problemen, die sich freilich relativieren, wenn die gestalterische Freiheit im Blick bleibt.
“Möwen im Gleitflug” verfolgt das Ziel, durch sprachliche Konzentration die Nachbarschaft von Worten und Schweigen zu betonen.

Rezension

Thomas Berger: Möwen im Gleitflug. Haiku, Kelkheim: Berger, 1992, 2 Aufl. 2000, ISBN 978-3-926604-04-0, 80 Seiten

In stürmischer Zeit
fertigt die Elster ihr Nest.
Wann kommt der Frühling? (S. 35)

Seit der Mensch wahrnimmt, dass er die Natur über Gebühr verändert, hat das Motiv des Unzeitigen auch in der Lyrik verstärkt Einzug gehalten. „die Elster (fertigt) ihr Nest“ ̶ praktiziert also gleichsam den „Frühling“, der − so, wie er unseren Vorstellungen entspricht ̶ noch nicht da ist.

Die Rede vom „Sturm“ gewinnt leicht eine metaphysische Anmutung; so nimmt es nicht wunder, dass das folgende Haiku an den Religionswissenschaftler Rudolf Otto gemahnt − und die von ihm benannte unauflösliche Einheit von Tremendum und Fascinans:

Im Sturm dieser Nacht
verlässt er dennoch sein Haus.
Fern leuchten Blitze. (S. 41)

Der Morgen am Meer nimmt sich leicht und heiter aus ̶ Beginn einer Welt:

Weiche Konturen
zeichnet die Morgensonne.
Still sind Wind und Meer.

Drei Austernfischer
trippeln über die Sandbank.
Ihr Tagwerk beginnt. (S. 52)

Nur, dass dieses Tagwerk eines von Leben und Tod ist − und beide dicht beieinander und nicht säuberlich zu trennen:

Munter hüpft ein Spatz
auf dem Grabhügel umher
beim Witwengebet. (S. 61)

Auf den ersten Blick mag das folgende Haiku an Ernest Hemingway erinnern ̶ „Der alte Mann und das Meer“. Weit näher aber sind wir − der Begriff „Meister“ erweist es ̶ der Welt des Zen-Buddhismus, aus der das Haiku sein Herkommen hat:

Das Meer und der Mann,
versunken im Zwiegespräch −
Meister und Schüler. (S. 62)

Die elementare Gewalt des Meeres tritt gleichsam hervor in seiner Dämonisierung:

Windstärke sieben
mit dunklen Regenwolken,
das Meer sprungbereit. (S. 66)

Am Ende scheint der Mensch heilsam zurechtgestutzt auf sein eigentliches Maß:

Ein Tropfen im Meer
ist wie ein Mensch in der Zeit:
namenlos beide. (S. 68)

Rüdiger Jung

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