Georges Hartmann (in: Sommergras91)

Noch zwei Bier noch, die Herren?

Da sitzen wir mit nachdenklich gesenkten Köpfen mitten im Stimmengewirr am groben Holztisch und drehen den Bierkrug zwischen den Händen, als gäbe es nur uns zwei auf dieser Welt. Die Monotonie des Schweigens unterbrechen wir hin und wieder mit einem belanglosen Satz, um dann neuerlich ins Grübeln zu verfallen. „Das Abitur, 41 oder sogar 42 Jahre ist das jetzt her“, murmelt der Schulfreund von einst, wozu wir bedeutungsvoll mit den Köpfen wackeln und den Humpen langsam zum Mund führen. Von der Seite betrachtet, hat er sich so gut wie nicht verändert. Auf dem Weg ins Lokal, sein weit ausholender Schritt, ganz so wie damals. Und diese scheinbar immer noch nicht abgelegte Unart, heftig durch die Nase auszuatmen, womit er wie in jungen Jahren die Bedeutung einer Feststellung unterstreicht. Dann
wiederhole ich in Gedanken den in meinem Gehirn zum Evergreen gewordenen alten Vorwurf vom Bruch unseres jugendlichen Miteinanders. Das war, als ihm angesichts meiner ersten großen Liebe, die mit ihren Glutaugen so alles verzehrend schauen konnte, die Hormone durchgingen, dass ich jetzt unwillkürlich den Kopf in beiden Händen
vergraben muss. Zwischen den Fingern hindurch werfe ich ein „Weißt du noch, es war im 73er Jahr“ auf den Tisch, was den anderen tiefer in seine Stummheit hinein drängt, während ich mich einen Narren schelte nach so langer Zeit wieder völlig überwältigt in den alten Bildern zu wühlen. „Sybil“, seufzt meine Seele und ich überlege, auf wie vielen Kreuzungen des Lebens ich in die falsche Seitengasse abgebogen bin oder abgedrängt wurde und was alles anders hätte sein können. Die nicht wahrgenommenen Gelegenheiten, die durch maßlose Schusseligkeit verpatzten Miteinander, diese Unbeholfenheit im Umgang mit dem anderen Geschlecht und die Angst, dass es zu offensichtlich herausplatzt, nach was einem auch beständig der Sinn stand. „Steht“, korrigiere ich mich ein wenig zu laut, wozu mir ein unverfrorenes Grinsen raus rutscht und der andere mit der flachen Hand unvermittelt auf das dunkle Eichenholz haut. Es ist, als hingen wir in der inneren
Rückbesinnung wie ein immer wieder in die gerade abgetastete Rille zurückspringender Plattenspieler-Tonarm am selben Punkt fest. Wir sehen uns unvermittelt an, lassen die Krüge aneinander krachen, stellen diese danach wieder vor uns ab, gefallen uns neuerlich in der so beredten, schweigsamen Ausgangsstellung, bis dann wie beim Schachspiel der für die Partie so wichtige erste Zug gemacht wird: „Bist du glücklich?“

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Erscheinungsjahr: 2010
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