Dieter W. Becker (in: Vierteljahresschrift 62)

Unverhofft war ich dort

Hannover hat diesen Herbst die Jahresausstellung der Deutschen Landwirtschaft.
Und damit wieder alle Betten ausverkauft. An diesem Donnerstagabend fahre ich also von der Autobahnabfahrt Fallingbostel nach Walsrode. Da – ein Wegweiser ” Löns-Grab ” kurz vor Walsrode weist nach rechts auf eine Nebenstrecke, Meine
naturlyrische Ader zog das Steuer des Wildbestandreduzierfahrzeuges bedingungslos herum. Nach einigen Bodenwellen, aus der Sicht von Heidschnucken sicherlich Berge, das Parkplatzschild. Und kurz darauf stehe ich am Beginn eines deutschen Pilgerpfades, Wo einst der Heidedichter pirschte, aus dem Rätschen der Eichelhäher seine Informationen bezog, zieht nun ein breiter Fährtensammler, unsolide aus Sand mit Steinen garniert. Der kundige Blick eines modernen Alternativtrapper oder Soziologen kann hier die Menschengeschlechter vom Boden ablesen.
Neben Stöckelabdrücken leichter Damen oder Schmalrehen, solide breite Abdrücke von Geltricken oder Altböcken. Mit Stockspitzenlöchern klar markiert. So drücken nun auch meine Schuhsohlen sich diesem Pilgerpfad ein. Einige Brombeeren sind seit Sonntag schon wieder nachgereift. Nach Mümmelmannart schlage ich zwecks Atzung einen Haken nach dem anderem. Bis von beiden Seiten niedrige Rundhölzer mich auf dem Zwangspaß halten. Und der führt – ja, gut, Sie haben richtig geraten – nicht zum HL-Grab. Nein, erst kommt das HL-Denkmal. Umfassende Informationen: hier pirschte einst HL, Muss das früher hier in der Gegend ärmlich gewesen sein! Wir haben da zum anpirschen solide Discos mit SpecialSound. Einmal weiche ich vom Zwangswechsel ab. Unter einer breitwachsenden Kiefer stehen die ersten Perlpilze in diesem Jahre. Trete mit einem Bein – nur einem bitteschön – über die Rundholzabsperrung. Es ist nichts passiert, kein Geist erschienen. Die ewigen Jagdgründe liegen woanders ( Quelle: Karl May, Winnetou l). Neben der Kulisse eines Machandelbestandes, Säufern als Grundlage von Wacholder geläufig, liegt das Grab auf einer kleinen Anhöhe. Die Machandel sind uralt, an die könnte HL noch …., weiter schreibe ich hierüber aber nicht. Der große Grabsteinfindling trägt neben seinem Namen auf beiden Seiten eine Wolfsangel eingemeißelt. Einen Augenblick setze ich mich auf eine der dort stehenden Bänke.
Meine Autofahrerbeine.
Wenn ich ehrlich bin und es hört ja keiner meine Gedanken mit ( noch nicht, aber die Russen arbeiten daran ) ist Hermann Löns der einzige Schriftsteiler, natürlich neben Karl May, dessen Geschichten mir aus meiner vorpubertären Jugendzeit noch geläufig sind. Nach der jetzt gültigen zoologischen Prägetheorie ist es ganz klar wem ich meine altersnaturlyrischen Anwandlungen zu verdanken habe. Oder das, was ich dafür halte.
Nach der Ansicht von Germanisten ist Naturlyrik tot. Kein Oberseminar hat sich rechtzeitig mit entsprechenden Schreibversuchen an die Rettung gemacht. Eine echte deutsche Kulturschande. Aber lieb Dichterland magst ruhig sein, noch singt Heino ja am Rhein.
Echte Naturlyriktrauergefühle übermannen mich und ich beschließe ein Poem des Abschiedsschmerzes zu schreiben.
Habe ich dann nicht, Abends in Walsrode, der HL-Stadt, beim Bier, wurde mir glasklar, warum die Japaner neben Honda und Suzuki auch ihre traditionellen Dichtformen nach Deutschland exportiert haben, exportieren konnten. Und so widme ich
mich zufrieden meinen Haiku und Tanka. Für diese sind ja nun offenbar die Japanologen, zumindest Sinologen zuständig. Oder?

auf der Heide blüht
die Rose jetzt japanisch,
Germanisten, tschüß!

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Erscheinungsjahr: 2003
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