Thorsten Schirmer (in: Sommergras92)

Wegbetrachtungen

Still ist die Wohnung, still das Haus. Ich schließe das Buch, in dem ich mich den Abend über tief in die Welt der alten Meister aus zweitausend Jahren ostasiatischer Malerei versenkt habe. Die Lebenswege vieler meiner Vorbilder lassen sich im Dunkel der Vergangenheit oft kaum noch erahnen, ihre seltenen Werke nur an weit verstreuten Orten dieser Welt bewundern. Wie dankbar bin ich in solchen Momenten, hier einmal die Vorzüge unserer globalisierten Gegenwart nutzen zu können.
Ein Buch aus dem fernen Amerika weist mir den Weg zu uralten ostasiatischen Tuschbildern und ihren Schöpfern. Seit ich als Jugendlicher den Weg des Malens im Geiste des chinesischen und japanischen Erbes beschritten habe, suche ich über die Jahrhunderte hinweg den Kontakt zu den Quellen meiner Kunst. Am Nachmittag hatte ich still für mich gemalt, bis meine kleine Tochter ins Zimmer trat. Mit Blick auf die vielen Siegelsteine vor mir forderte sie erneut so energisch wie neugierig ein, endlich auch ein Malersiegel selbst schneiden zu dürfen. „Später einmal, du weißt doch, wie spitz und scharf das Messer ist. Siegelschneiden erfordert viel Kraft in den Fingern, und Stein ist schwer zu bearbeiten“, gab ich zurück. Sie trollte sich, und ich hoffte insgeheim, dass ihr Wunsch über die Jahre Bestand haben möge. Geduld ist die Tugend des Reifens. Wird sie genügend davon entwickeln, um sich irgendwann einmal auch auf diesen Weg zu begeben?
„Besser ist es, dies nicht zu erwarten“, ermahne ich mich. Und dennoch ist es ein Teil des ewigen Traums der Wegerfüllung, auch Wegweiser für andere sein zu dürfen. Ich stelle das Buch in den Schrank zurück und lösche das
Licht. Es ist Mitternacht. Gestern wie heute bin ich allein auf meinem Weg. Und morgen?

Stille säumt den Weg.
Verweht die Fußspur vor mir,
niemand folgt mir nach.

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Erscheinungsjahr: 2011
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