Sonja Raab (in: Sommergras116)

Zwischen Sein und Nichtsein

Ich sitze in einem Raum. Vor mir ein Fenster. Ich sehe durch dieses Fenster einen Ausschnitt aus einem anderen Raum. Einen Teil der Welt. Ich weiß, dass da draußen eine Welt ist. Wüsste ich es nicht, wäre vor mir nur ein Bild. Ein bewegliches Bild, aus dem sich ab und an Teile entfernen oder in das sich Teile hinzufügen. Gerade jetzt zeigt mir das Bild einige kahle Bäume, Schnee, einen Zaun und zwei Eichhörnchen, die auf den Bäumen und im Schnee herumspringen. Im Frühling werde ich schmelzenden Schnee und Knospen an den Bäumen sehen, im Sommer wird mein Bildausschnitt grün sein, im Herbst wird buntes Laub die Bäume schmücken. Das alles weiß ich, weil es immer so war. Das Bild verändert seine Form, seine Farben, seine Bewegungen. Würde ich meinen Platz nie verlassen, würde ich die Langsamkeit der Veränderung sehen. Mir würden aber auch die Beine einschlafen. Ich sitze hier und höre die Klänge einer Shakuhachi. Ich betrachte die kahlen Äste. Ich betrachte den Schnee. Die Bambusflöte ist nur der Klang eines Luftzuges. Die Eichhörnchen scheinen zu spielen. Sie sind dunkelbraun und bewegen sich flink und springen von Baum zu Baum. Manchmal entschwinden sie meinem begrenzten Bild. Später kommen sie wieder. In meinem Raum ist es warm. Außerhalb meines Raumes hat es Minusgrade. Manchmal stelle ich mir vor, außerhalb des Raumes zu sitzen, in den Raum hineinzuschauen und mich sitzen zu sehen. So, als würde ein Baum vor meinem Fenster zu mir hereinschauen. Was würde er in mir sehen? Wie würde er mich betrachten? Was würde er über mich denken? Kann ein Baum denken? Kann er einen Menschen als Menschen wahrnehmen? Die Bambusflöte klagt ihr Leid. Sie klingt verzweifelt. Hohe, abgehackte Töne jagen einander durch die kahlen Äste der Bäume vor mir und begleiten die Eichhörnchen bei ihrem Tanz. Sie lenken mich ab von meiner Schau nach innen. Innen und außen. Wer bestimmt das? Befinde nicht ich, in meinem abgeschotteten Raum, mich außen? Außerhalb der Natur, abgegrenzt von dem, was IST? Befindet sich nicht die Natur inmitten dessen, was IST, also im Inneren des Seins? Die Bambusflöte singt jetzt. Sie versucht, mir zu schmeicheln, mich sanft zu stimmen, nicht so streng mit mir zu sein. Meine Gedanken lassen sich von ihren Tönen tragen. Sie begeben sich zur Ruhe. Ich nehme das Bild vor mir wahr. Den Zaun, den Schnee, die kahlen Bäume. Die Eichhörnchen sind verschwunden. Ich sitze in einem Raum. Vor mir ein Fenster. Ich sehe durch dieses Fenster einen Ausschnitt aus einem anderen Raum. Ei- nen Teil der Welt. Ich weiß, dass da draußen eine Welt ist. Wüsste ich es nicht, wäre vor mir nur ein Bild. Ein bewegliches Bild, aus dem sich ab und an Teile entfernen oder in das sich Teile hinzufügen. Gerade jetzt zeigt mir das Bild einige kahle Bäume, Schnee, einen Zaun und zwei Eichhörnchen, die nicht mehr da sind. Die Eichhörnchen entspringen meiner Fantasie. Sie ist grenzenlos. Sie hat keinen Raum. Sie ist frei und flattert zwischen Sein und Nichtsein durch die Welten.

apfelkerne
wie sich der baum
in seine form schläft

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Erscheinungsjahr: 2017
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