Haiku-und Tanka-Auswahl Dezember 2025

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13 mins read

Es wurden insgesamt 263 Haiku von 96 Autoren/Autorinnen und 80
Tanka von 31 Autoren/Autorinnen für diese Auswahl eingereicht. Einsendeschluss  war der 15. Oktober 2025. Diese Texte wurden vor Beginn der Auswahl anonymisiert.

Die Wertung der aktuellen Auswahl der HTA wurde koordiniert von Eleonore Nickolay.

Der Einsendeschluss für die nächste Haiku-/Tanka-Auswahl

ist der 15. Januar 2026.

Bitte alle Haiku/Tanka unbedingt gesammelt in einem Vorgang in das Online-Formular auf der DHG-Webseite HALLO HAIKU selbst eintragen: https://haiku.de/haiku-und-tanka-auswahl-einreichen/

Ansonsten per Mail an: auswahlen@sommergras.de

Jeder Teilnehmer kann bis zu sechs Texte – drei Haiku und drei Tanka – einreichen.

Eingereicht werden können nur bisher unveröffentlichte Texte (gilt auch für Veröffentlichungen in Blogs, Foren, inklusive die Foren auf HALLO HAIKU, sozialen Medien und Werkstätten etc.).

Bitte keine Simultan-Einsendungen.

Bitte denselben Text nicht wiederholt einreichen.

Jedes Mitglied der DHG hat die Möglichkeit, eine Einsendung zu benennen, die bei Nichtberücksichtigung durch die Jury auf einer eigenen Mitgliederseite veröffentlicht werden soll.

Mit der Einsendung gibt der Autor/die Autorin das Einverständnis für eine mögliche Veröffentlichung in der DHG-Haiku-Agenda.

 

Haiku-Auswahl der HTA

Die Jury bestand aus Angelika Holweger, Anke Holtz und Gérard Krebs.

Die Mitglieder der Auswahlgruppe reichten keine eigenen Texte ein.

Alle ausgewählten Texte – 42 Haiku von 32 Autoren/Autorinnen – werden in alphabetischer Reihenfolge der Autorennamen veröffentlicht. Es werden max. zwei Haiku pro Autor/Autorin aufgenommen.

„Ein Haiku, das mich besonders anspricht“ – unter diesem Motto besteht für jedes Jurymitglied die Möglichkeit, bis zu drei Texte auszusuchen (noch anonymisiert), hier vorzustellen und zu kommentieren.

 

Ein Haiku, das mich besonders anspricht

Geburtstagsblues –
im Gästelachen verwirrt
Mutters Einsamkeit 

Klaus Kornexl

Immer wieder faszinierend, wie viel in einem Haiku mit wenigen Worten gesagt werden kann. Dieser Dreizeiler beginnt mit der dreiteiligen Wortzusammensetzung „Geburtstagsblues“. Geburtstage verbinden wir oft mit etwas Erfreulichem, das gefeiert wird, aber durchaus nicht immer und nicht von allen! Das klingt hier im dritten Wortteil „-blues“ schon an. In den nachfolgenden Zeilen 2 und 3 wird dieser Gegensatz deutlicher gemacht.

Als Leserin oder Leser nehmen wir teil an einem solchen Fest. Wir beobachten die Gäste, es wird gelacht, wohl auch angestoßen und gespeist, es sieht nach guter Laune aus. Aber bei der Mutter, der eigentlichen Heldin des Tages, scheint etwas nicht zu stimmen. Sie ist gar nicht richtig mit von der Partie. Wir versetzen uns vielleicht in ihre Lage, identifizieren uns unter Umständen sogar mit ihr. Wir spüren: Diese Frau leidet, und all das Treiben und Feiern um sie herum kann sie nicht davon befreien. Im Gegenteil, sie wird sich dadurch ihres Leidens erst richtig bewusst. Sie kann das Lachen nicht (mehr) teilen, es verwirrt sie nur, denn sie ist, wie wir ganz zum Schluss erfahren, einsam.

Formal ist der 16-silbige Text ganz nahe an der klassischen Silbenzahl 5-7-5 und auch ohne Endreime. Die infolge der Zusammensetzungen gerade mal sechs Wörter sind mit Sorgfalt gesetzt, die drei Zeilen enden semantisch jeweils mit der traurigen Seite dieses Festes: blues/verwirrt/Einsamkeit. Das liest sich wie eine Steigerung, wobei die „Einsamkeit“ als letztes Wort noch hervorgehoben wird. Alles in allem ein eindrücklicher Text!

Ausgesucht und kommentiert von Gérard Krebs

verlassene Fabrik
die Farbtöne
des Rosts

Ramona Linke

Als bildende Künstlerin hat mich dieses Haiku zu nachfolgenden Gedanken inspiriert. Was ist eigentlich Rost? Eine Verbindung aus Eisen, Sauerstoff und Wasser zu Eisenoxid. Rost findet man in vielerlei Tönungen wie z. B. einem kräftigen Rot, Orangebraun, Zimtbraun oder Grautönen bis hin zu erdigen Farben.

Und da fühle und lese ich sogleich eine Verbindung zur Vergänglichkeit. Zum Beispiel durchgerostete Rohre, rostige Gartentore und Kotflügel bis hin zu den geisterhaften Schrottplätzen. Auch die herbstlichen Laubbäume zeigen genau diese Farbskala. Von Kunsthandwerkern wird der natürliche Alterungsprozess oft noch chemisch beschleunigt. Warum eigentlich, wo doch die meisten Menschen mit allen Mitteln versuchen, der Vergänglichkeit, dem Tod zu trotzen. Man denke nur an das gewinn­trächtige Anti-Aging. Und trotzdem soll die große Engelskulptur im Vorgarten nicht glitzern. Nein, sie trägt Patina, je mehr, desto besser. Glanz war schließlich gestern, Rost in allen Variationen, nicht nur in der verlassenen Fabrik, ist schließlich modern.

Ausgesucht und kommentiert von Angelika Holweger

gespräche zwischen
Besuchern und Bildern belauschen
Galerie

Tim Scharnweber

Ja, das kann sehr interessant sein. Ich erlebe dies gerade bei einer Ausstellung, an der ich als Künstlerin mitbeteiligt bin. Oft sitzt man als Aufsicht eine halbe Stunde lang und dreht Däumchen, weil keine Besucher kommen wollen. Doch plötzlich verirren sich ein paar Leute in die Galerie, weil es draußen regnet. Wie ist ihre Reaktion, wie gucken sie, sagen sie etwas? Und dann ein enttäuschtes Genuschel, „Das habe ich mir anders vorgestellt.“

Sogleich fällt mein Stimmungsbarometer, auch wenn nicht nur meine Exponate gemeint sind. Und dann kommen Menschen, die fragen. Sie sind mir am liebsten, weil ich das Gefühl habe, dass es aus Interesse geschieht. Plötzlich ein staunender Ausruf: „Dieses Bild ist hammermäßig! Wenn ich nur Platz dafür hätte.“ Es ist mein eigenes Bild. Ich habe geschwiegen, aber meine Freundin hat mich verraten.

Gegenüber ein farbenprächtiges Bild einer Kollegin: „Dieses würde ich sofort kaufen, wenn man es quer hängen könnte“, ereifert sich eine Frau.

Und manche Zeitgenossen rennen nur durch, als würden die Sekunden gemessen. Vor der Wand mit den ungerahmten Aquarellen meinte ein Besucher: „Die wären aber gerahmt viel schöner gewesen.“ Dabei wurden sie absichtlich locker angeklebt.

Morgen bin ich wieder dort und lausche…

Ausgesucht und kommentiert von Angelika Holweger

vor der Losbude
alle Hoffnungen
in Fetzen

Marie-Luise Schulze Frenking

Ein Haiku, das mich sofort beim Lesen schmunzeln ließ.

Aber warum nur, beschreibt es doch auf den ersten Blick die vollkommene Abwesenheit von Glück.

„Vor der Losbude“, also auf dem Boden, im Dreck und mit Füßen getreten, liegen sie, „alle Hoffnungen“.

Und dann auch noch „in Fetzen“. Also vollkommen zerstört, irreparabel.

Aber mit dem Wort „Losbude“ höre ich auch Karussellkreischen, der Duft von Zuckerwatte steigt mir in die Nase und blinkende Lichter erzeugen Regenbogenfarben.

Und mittendrin die Losbude. Voller Vorfreude kaufe ich ein Dutzend Lose. Eine Hand voll Glücksversprechen. Doch jedes Los landet nach dem Öffnen auf dem Boden. Nicht einmal bis zum Papierkorb schafft‘s es. Will man doch diese Niete sofort loswerden, um sich hoffnungsvoll dem nächsten Los zu widmen.

Ein für mich gelungenes Haiku, welches viele Erinnerungen und Gedanken hervorruft.

Unter anderem auch die Frage: Ist Glück denn käuflich? Oder ist es nicht schon die Vorfreude, Hoffnung, Spannung und Neugierde die beim Kauf der Lose Glück erzeugt?

Ausgesucht und kommentiert von Anke Holtz

 

Die Auswahl

Sonntagmorgen
ein Wort nur und alles –
ist anders

Regine Beckmann

Erntedankfest
zum Frühstück süße Früchte
aus Südafrika

Regine Beckmann

Entrümpelung
in Opas Schuppen
noch Mutterholz

Claudia Brefeld

zu dir
über Schnee
der schmilzt

Horst-Oliver Buchholz

den Brief noch in der Hand
tritt sie ans Fenster –
Wildgänse!

Bernadette Duncan

bunte blätter
tanzen im takt
zum laubbläser

Hans Egerer

mein Gesicht
im Eisregen
ein Nadelkissen

Frank Dietrich

am letzten tag
ebbe und flut
in ihrer stimme

Alexander Groth

herbstnebel
nur
ich

Alexander Groth

Sternenlicht
wir reflektieren
den Tag

Gabriele Hartmann

Herbstwind zerrt
am verrammelten Eisstand
Vanilleduft

Sylvia Hartmann

lange Leine
ein Mann umrundet
seinen Hund

Birgit Heid

Im Sandkasten
die erste Liebe
Seifenblasen

Deborah Karl-Brandt 

Im Nachtlicht
Der Schatten des Kuscheltiers
wird größer

Deborah Karl-Brandt 

Geburtstagsblues –
im Gästelachen verirrt
Mutters Einsamkeit

Klaus Kornexl

Erste Kraniche –
die Kinder im Bus schauen
auf ihre Smartphones.

Moritz Wulf Lange

herbstabend
ich sitze im halbschatten
zeit wird zu gold

Rudolf Leder

Memento mori
die Friedhofskatze
dreht ihre Morgenrunde

Eva Limbach

erste Schwalben
der Trauerredner spricht von
Zeit

Eva Limbach

Teestunde
behutsam gießt er Milch
ins Schweigen

Ramona Linke

verlassene Fabrik
die Farbtöne
des Rosts

Ramona Linke

goldener Herbst
im Briefkasten
eine Mieterhöhung

Ruth Karoline Mieger

alte Burg
vor der Tür zur Folterkammer
blühen Christrosen

Ruth Karoline Mieger

Nebelschwaden
diese Andeutungen
in ihrem letzten Brief …

Eleonore Nickolay

biedermeierstil
sie streicht großmutters möbel
glitzer-neon-pink

Ludmilla Pettke

ohne dich
das Gipfelkreuz
nur ein Gipfelkreuz

Jutta Petzold

Vorstellungsgespräch
sie lässt den Doktortitel
in der Handtasche

Wolfgang Rödig

Parfümerieabteilung
ihr kleiner Junge
übt das Naserümpfen

Wolfgang Rödig

Trauerfeier
danach gehen wir
auf getrennten Wegen

Frank Sauer

Neue Wohnung
Die Nachbarin bringt Brot und Salz
und Ohropax

Michael Rasmus Schernikau

feiner Lavendelduft
als die Luft aus dem Kleidersack
entweicht

Gabriele Schettler

der Schrei meines Sohnes
im Halloweenkostüm
hockt eine Spinne

Gabriele Schettler

Schwalbennester
im verfallenen Haus
zieht Leben ein

Evelin Schmidt

nach der Nachtschicht
im Bett
die Wärmflasche

Marie-Luise Schulze Frenking

vor der Losbude
alle Hoffnungen
in Fetzen

Marie-Luise Schulze Frenking

frostige Frühe
Herbstblätter brechen leise
unter meinem Fuß

Angelica Seithe

herbststurm
das meer von kreuzen
regungslos

Helga Stania

Krankenbesuch
durch die Terrassentür –
Ein Admiral

Angela Hilde Timm

Trauerfeier
die Nägel der Enkelin
tragen schwarz

Elisabeth Weber-Strobel

Bilder aus Gaza –
unterm Apfelbaum
fault das Fallobst

Elisabeth Weber-Strobel

Altenheim
jeden Tag ein Kranich …
gefaltet

Friedrich Winzer  

entwirren
mit einer fremden Frau
Hundeleinen

Friedrich Winzer  

 

Die Jury stellt sich vor

Angelika Holweger

Geschrieben habe ich schon immer sehr gerne. Seien es die ersten Aufsätze in der Schule oder die späteren, meist noch gereimten Gedichte zu Geburtstagen. Und diese wurden im Laufe der Zeit immer kürzer, immer mehr verdichtet.

Irgendwann, so Anfang 2000, fand ich zufällig das erste Haiku im Internet. Diese Kürze faszinierte mich. So wollte ich auch dichten können. Meine Vorbilder waren damals u. a. „Haiku-Größen“ wie Dietmar Tauch­ner, Gerd Börner und Angelika Wienert. Ich las viele gute Haiku und übte und übte. So fand ich dann auch ein Jahrzehnt später zur DHG und wurde dort Mitglied. In der Haiku-Werkstatt war lange Zeit ein reger Austausch. Bei „Haiku heute“ wurden erste Haiku von mir angenommen. Auch im „Sommergras“ wurde ich hin und wieder veröffentlicht. Das waren und sind bis heute immer noch große Momente für mich.

Haiku-Schreiben hat meine Wahrnehmung verändert. Mit meiner Kamera halte ich das scheinbar Unscheinbare fest und gestalte daraus oft erfolgreich Haiga.

Auch mein künstlerisches Schaffen (Drucke und Malerei) wird inzwischen mehr und mehr von der japanischen Dichtkunst inspiriert. Seit Jahren halte ich mit großer Freude themenbezogene Lesungen. Mein ältester Sohn begleitet mich sehr einfühlsam mit seiner klassischen und Flamenco- Gitarre.

Kurz gesagt: Haiku ist mir zu einer Lebenshaltung geworden.

auf Marienfäden
die Sonne übt
Seiltanzen

Anke Holtz

Das Haiku fand mich an einem warmen Sommertag vor etwa zehn Jahren. Es war ein Sonntag am See, und das Haiku erwischte mich in einem Moment vollkommener Langweile.

Fliegenjagd / jeder Klatsch / lauter

Das Haiku bot sich mir mit seiner Kürze und Wortgewandtheit an, um auf kreative Weise meine Gedanken einzufangen. Ohne Hintergrundwissen über das Haiku formte ich so meine ersten eigenen Kurzgedichte.

erster Kuss / Kirschblüten schenken sich / dem Wind

Seitdem hilft mir die Offenheit für „Haiku-Momente“, die Welt um mich herum bewusster wahrzunehmen und der Reizüberflutung Momente der klaren Beobachtung entgegenzusetzen.

Honey Moon Suite / an der Wand / ein Rettungsplan

Es erfüllt mich mit Dankbarkeit und Freude, wenn es gelingt, einen besonderen Moment mit seinen Eindrücken und Empfindungen in nur wenigen Worten festzuhalten. Ebenso beeindruckt mich, dass auch ein vollkommen fremder Leser mit diesen nur drei Zeilen an meinem „Haiku-Moment“ teilhaben kann.

im Klosterzimmer
allein
mit dem Kreuz

Gérard Krebs

Während meines inzwischen schon recht langen Lebens haben Sprachen immer eine wichtige Rolle gespielt. Zuerst lernte ich Französisch, später Deutsch und Schweizerdeutsch, gefolgt von Englisch, Italienisch, Schwedisch, Finnisch und Japanisch; letzteres allerdings nur für den mündlichen Gebrauch. Diese Sprachen standen während bestimmter Lebensperioden und/oder Aufenthaltsorten mehr oder weniger im Vorder- oder Hintergrund. So kam es, dass meine ersten Kontakte mit Haiku-Texten in eine Periode fielen, während der das Englische bei mir sogar zur ersten und bevorzugtesten Sprache geworden war. In den frühen 1970er-Jahren reiste ich mit der Eisenbahn von Finnland quer durch die Sowjetunion nach Japan. Als begeisterter Literaturstudent bereitete ich mich dazu fast aus­schließ­lich durch das Lesen japanischer Gedicht-Anthologien in englischer Sprache vor.

Was mich dabei am meisten beeindruckte und faszinierte, waren die kleinen, im Englischen in drei Zeilen ohne Endreim wiedergegebenen Texte. Manche dieser Texte verstand ich oder vermeinte sie zu verstehen, andere blieben mir rätselhaft, forderten mich heraus. Mir gefiel, dass in vielen dieser vor allem älteren Texte ein starker Bezug zu Natur und Jahreszeit festzustellen war und dass mir mein schon zuvor erwachtes Interesse am Buddhismus manches etwas verständlicher machte. Es folgten weitere Reisen nach Japan, wo ich auch zu Fuß auf alten Pfaden viel unterwegs war. Ich las viele Dreizeiler in verschiedenen Sprachen sowie Sekundärliteratur dazu. Allmählich kam ich selbst ins Schreiben solcher Texte auf Englisch und Deutsch und später auch in anderen Sprachen.

Meine allerersten Haiku-Publikationen erschienen in der renommierten amerikanischen Zeitschrift Modern Haiku fast gleichzeitig mit einem deutschen Haiku in der Sommergras Zeitschrift der DHG um die Jahreswende 2008/9:

old trenches/boys playing wars/of their fathers

und

Schnee fällt auf Schnee/zwischen den Häusern der Duft/von Pfefferkuchen.

Ein Jahr später erschien in der britischen Zeitschrift „Blithe Spirit“:

winter wood/a twig’s snow load/drops into silence.

Seither folgten zahlreiche weitere Haiku-Publikationen auch auf haiku-heute.de und anderen Netzseiten, in Anthologien und auf Kalendern, wobei das Deutsche durch meine Übersiedlung von der Schweiz nach Finnland und meine Dozentur am Germanistischen Institut der Universität Helsinki einmal mehr den ersten Platz unter den von mir gebrauchten Sprachen einnahm. Nicht unerwähnt seien noch zwei meiner ganz dem Haiku gewidmeten Bändchen in deutscher Sprache sowie meine zum Teil von Musik begleiteten Haiku-Lesungen in der Schweiz, in Italien, Schweden und Finnland.

Heute kann ich mir ein Leben ganz ohne Haiku kaum noch vorstellen. Wohin ich auch gehe, immer ist ein kleines Notizbuch dabei zum Festhalten ephemerer Momente, die nichtsdestoweniger von großer Bedeutung sein können.

Flocken fallen
es wird immer stiller
in mir

 

Tanka-Auswahl

Die Auswahl wurde von Claudia Brefeld, Horst-Oliver Buchholz und Sylvia Hartmann vorgenommen. Sie wählten 6 Tanka von 5 Autoren und Autorinnen aus. Es werden max. zwei Tanka pro Autor aufgenommen.

„Ein Tanka, das mich besonders anspricht“ – hier wird ein Tanka besprochen.

 

Ein Tanka, das mich besonders anspricht

Im Vorwort der klassischen japanischen Sammlung Kokin-wakashū steht zu Beginn einer eindrucksvollen Tanka-Beschreibung: was Himmel und Erde bewegt, ohne Kraft anzuwenden …Und mir scheint, dass schon diese wenigen Worte die Quintessenz eines Tanka widerspiegeln.

der Obdachlose
ohne seinen Hund
. . .
ich hätte ihn
fast nicht erkannt 

Frank Dietrich

Obdachlose Menschen – sie gehören zum Bild fast jeder Stadt. Wobei dieses „Stadtbild“ ja gerade durch eine Bemerkung unseres Bundeskanzlers ins Gerede gekommen ist. Er findet den Zustand unserer Städte und das Bild, das sie bieten, eher beängstigend, was er allerdings den Migranten anlastet. Auf jeden Fall wird man die Außenseiter unserer Gesellschaft, seien es nun Zugereiste, Wohnungslose oder Drogen- und Alkoholabhängige, um einmal sehr unterschiedliche Menschen in einem Atemzug zu nennen, eher in der Stadt als auf dem Land finden, weil sie dort bessere Unterschlupf- und Versorgungsmöglichkeiten haben. Wir haben uns – wie der- oder diejenige, die im Tanka zu uns spricht – an sie gewöhnt, so sehr, dass wir sie weniger als Individuen sehen denn eben als einen Teil des Bildes, das unsere Städte bieten.

Dem oder derjenigen, der hinter dem „Ich“ des Gedichtes steht, ist lange Zeit eher der Hund aufgefallen, der den Obdachlosen in seinem Umfeld begleitet, als der Mensch selber. Mit Tieren Mitleid zu empfinden, fällt uns – so glaube ich – manchmal leichter als das Mitleid mit Menschen. Eines Tages aber ist der Hund verschwunden. Sein Fehlen wird im Tanka durch die fehlende dritte Zeile veranschaulicht, die durch drei Punkte ersetzt ist. Sie regen dazu an zu spekulieren: Ist der Hund weggelaufen, krank oder gar gestorben? Das Leben auf der Straße ist hart, für Mensch und Tier. Plötzlich nimmt der, der hier spricht, auch den Menschen „hinter dem Hund“ wahr, selbst wenn er ihn kaum wiedererkennt, weil sein Fokus bisher immer auf dem Tier gelegen hat. Aber einen Menschen in seiner Bedürftigkeit wahrzunehmen, ist schon viel wert. Ein Tanka, das nachdenklich macht und mich hoffentlich daran erinnert, mit offenen Augen durch meine Stadt zu gehen.

Ausgesucht und kommentiert von Sylvia Hartmann

 

 Die Auswahl

der Obdachlose
ohne seinen Hund
. . .
ich hätte ihn
fast nicht erkannt

Frank Dietrich

Gedenken
an Großvater
seine Pendeluhr
schlägt nun
mir die Stunde

Marie-Luise Schulze Frenking

Spezialfahrzeug
ungestüm lacht der Junge
im Rollstuhl
mit seinem Papa
im Fahrtwind

Marie-Luise Schulze Frenking

zu Hause
nach langer Krankheit
erlebe ich
den Sonnenaufgang
in einer neuen Welt

Friedrich Winzer  

So nebelkalt
die täglichen Ufer am Fluss –
du lächelst mir zu
und Farbe strömt ein
ins erstarrte Land

Angelica Seithe

hier ging ich
gemeinsam
mit vater
und find nun ein lächeln
in fremdem gesicht

Helga Stania

 

Sonderbeitrag von Brigitte ten Brink

Brigitte ten Brink hat aus allen anonymisierten Einsendungen ein Haiku ausgesucht, das sie besonders anspricht.

der Schrei meines Sohnes
im Halloweenkostüm
hockt eine Spinne

Gabriele Schettler

Dass meine Wahl für den Sonderbeitrag auf dieses Haiku fiel, hängt u. a. damit zusammen, dass es mich beim Lesen, da mir ähnliche Situationen durchaus bekannt sind, zum Lächeln brachte. Meine beiden Enkelsöhne lieben Halloween, das Kostüm kann gar nicht gruselig genug sein, und Spinnen gehören dazu. Aber wenn der Fußball im Garten unter die Büsche rollt, müssen Oma oder Opa ihn wieder hervorholen. Wer weiß, welches Getier sich dort versteckt.

Ein tiefer greifendes Kriterium für diese Wahl ist jedoch die Art und Weise, wie das Halloween-Thema hier aufgegriffen wird. Geschrieben ist es aus der Sicht eines Elternteils. Die erste Zeile „der Schrei meines Sohnes“ erweckt den Anschein, als wäre etwas Schlimmes geschehen. Die zweite Zeile „im Halloweenkostüm“ grenzt die Situation, die den Schrei hervorruft, dann stark ein. Es ist Halloweentag und Schauerliches ist angesagt. Die dritte Zeile bringt die Auflösung: Eine Spinne, die im Halloweenkostüm krabbelt, ist die Urheberin des Schreies.

Dieses Haiku beschreibt mit einem Schmunzeln die Diskrepanz des Momentes. Da will einer in einem furchterregenden Gewand andere erschrecken, ist aber selber dem Anblick einer an und für sich harmlosen Spinne nicht gewachsen. Diese Widersprüchlichkeit wird durch die Worte „im Halloweenkostüm“ in der mittleren Zeile noch verstärkt. Sie dient als Scharniervers und lässt sich sowohl der ersten Zeile „der Schrei meines Sohnes im Halloweenkostüm“, als auch der letzten Zeile „im Halloweenkostüm steckt eine Spinne“ zuordnen. Ohne die letzte Zeile könnte der Schrei des Kostümträgers auch eine bewusste Steigerung seines Anspruches sein, möglichst großen Schrecken zu verbreiten. Mit der dritten Zeile wird er jedoch entlarvt. Er, der als Angstmacher auftreten möchte, ist selber ein Angsthase.

Für mich ist dieses Haiku ein sehr gelungenes zum Thema Halloween.

Anm.: Aus der Sicht eines Menschen, der an einer Spinnenphobie leidet, stellt sich dieses Thema allerdings anders dar. In diesem Fall gäbe es für einen Beobachter nichts zum Lachen, denn der Schrei ist durchaus begründet.

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