Haiku-und Tanka-Auswahl Juni 2026

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Es wurden insgesamt 249 Haiku von 89 Autoren/Autorinnen und 52 Tanka von 24 Autoren/Autorinnen für diese Auswahl eingereicht. Einsendeschluss war der 15. April 2026. Diese Texte wurden vor Beginn der Auswahl anonymisiert.

Die Wertung der aktuellen Auswahl der HTA wurde koordiniert von Peter Rudolf.

Der Einsendeschluss für die nächste Haiku-/Tanka-Auswahl

ist der 15. Juli 2026.

Bitte alle Haiku/Tanka unbedingt gesammelt in einem Vorgang in das Online-Formular auf der DHG-Webseite HALLO HAIKU selbst eintragen: https://haiku.de/haiku-und-tanka-auswahl-einreichen/

Ansonsten per Mail an: auswahlen@sommergras.de

Jeder Teilnehmer kann bis zu sechs Texte – drei Haiku und drei Tanka – einreichen.

Eingereicht werden können nur bisher unveröffentlichte Texte (gilt auch für Veröffentlichungen in Blogs, Foren, inklusive die Foren auf HALLO HAIKU, sozialen Medien und Werkstätten etc.).

Bitte keine Simultan-Einsendungen.

Bitte denselben Text nicht wiederholt einreichen.

Jedes Mitglied der DHG hat die Möglichkeit, eine Einsendung zu benennen, die bei Nichtberücksichtigung durch die Jury auf einer eigenen Mitgliederseite veröffentlicht werden soll.

 

 

Haiku-Auswahl

Die Jury bestand aus Frank Dietrich, Helga Schulz Blank und Dagmar Westphal. Die Mitglieder der Auswahlgruppe reichten keine eigenen Texte ein.

Alle ausgewählten Texte – 12 Haiku von 11 Autoren/Autorinnen – werden in alphabetischer Reihenfolge der Autorennamen veröffentlicht. Es werden max. zwei Haiku pro Autor/Autorin aufgenommen.

„Ein Haiku, das mich besonders anspricht“ – unter diesem Motto besteht für jedes Jurymitglied die Möglichkeit, bis zu drei Texte auszusuchen (noch anonymisiert), hier vorzustellen und zu kommentieren.

 

Ein Haiku, das mich besonders anspricht

Alter Hund
sie summt
ein Kinderlied

Daniel Behrens

Aus den 249 eingereichten Haiku ist mir dieses sofort ins Auge gestochen. Ich hatte in meinem Leben vier Hunde. Meine letzte Hündin, Coco, war ganz besonders. Ich musste sie 2019 einschläfern lassen, nachdem feststand, dass man ihr weder mit Medikamenten noch mit einer Operation helfen kann und sie sehr leidet. Sie war ungefähr 18 Jahre alt; da sie ein Findelkind war, kannte man ihr genaues Alter nicht. Ich habe sie sehr gemocht, sie war anders als meine anderen Hunde.

Beim Lesen des Haiku sah ich sofort meine alte Coco, wie sie in den letzten Monaten ihres langen Lebens gelitten hat. Ich habe sogar einen Kinder- bzw. Hundewagen ausgeliehen, damit sie nur auf weichen Wegen laufen musste, nicht auf Asphalt. Ich sehe im „alten Hund“ ein armes Geschöpf, das nur mühsam laufen, keinem Vogel mehr nachjagen kann, nicht mehr mit anderen spielen kann. Vielleicht hat der „alte Hund“ sogar ein oder zwei Rollen statt Beine, auf jeden Fall leidet er für mich in irgendeiner Form, ist zu bedauern und ich hoffe, er darf eingeschläfert werden.

Dann: „sie summt/ ein Kinderlied“. Die Frau, die mit dem Hund spazieren geht oder auch im Haus mit ihm sitzt – summt ein Kinderlied. Ich stelle mir vor, dass der alte Hund bald erlöst werden darf, vielleicht das Datum seines Todes schon feststeht. Sie denkt zurück an ihre gemeinsame Zeit. Sie hat ihn vielleicht als Welpen bekommen, ihn erzogen, ihn aufwachsen sehen, sie sind ein Team geworden, haben viel erlebt. In diesen wenigen Worten sehe ich das Leben des Hundes, den Welpen, den jugendlichen Hund, dann den erwachsenen, etwas vernünftigeren Hund und jetzt den Greis. Ein Kreislauf, ein Leben wie beim Menschen, bei der Frau, der Besitzerin. Das Hundeleben ist kürzer, hat aber auch viele Hochs und Tiefs, Emotionen und Einschnitte. Die Frau ist ebenfalls älter geworden und denkt wehmütig zurück, vielleicht sind beide krank.

Mich haben die Zeilen sehr berührt und ich erkenne in den wenigen Worten ein sehr langes, abwechslungsreiches und zufriedenes Leben, auf das etwas wehmütig, aber nicht depressiv, nicht unglücklich zurückgeschaut wird. In den neun Silben steckt für mich viel Zufriedenheit, Rückblick auf eine schöne gemeinsame Zeit mit guten Erinnerungen.

Ausgesucht und kommentiert von Helga Schulz Blank

 

Die Auswahl

Alter Hund –
sie summt
ein Kinderlied …

Daniel Behrens

Zerknitterte Zeitung –
das Model
hat Falten bekommen …

Daniel Behrens

Nachfrost –
die einsame Stille
des Gartens.

Reinhard Dellbrügge

dein Ohrring
auf dem Nachttisch vergessen
vor einem Jahr

Anita Falcke

am Gedenkstein –
Tränen fallen
in ihren Traum

Claus Hansson

Am schmutzigen Strand
zwischen den Betontrümmern
die Sonnenschirme.

Moritz Wulf Lange

Stamm meine Stütze,
der Wald meine Herberge,
das Moos wird mein Bett.

Paul Lindner

morgengrauen
gedankenfetzen spielen
mit mir versteck

Ludmilla Pettke

zerschnittene Nacktschnecken
das Mädchen schämt sich
für seine Mutter

Wolfgang Rödig

Das alte Paar –
ihre getrennten Wege
gehen sie gemeinsam

Klaus Stute

Buschwindröschen
wiegen sich im Wind
Friedensgedanken

Johannes Weber

Einmal um den Block
Sein langer Spaziergang
mit dem alten Hund

Udo Zielke

 

Die Jury stellt sich vor

Frank Dietrich

Meine erste Begegnung mit dem Haiku erfolgte im Jahr 1999 in der National Poetry Library in London, wo ich zu jener Zeit lebte. Allerdings waren es keine Haiku-Sammlungen, die mich damals interessierten, sondern die Ausschreibungen für Gedichtwettbewerbe, die an einer Pinnwand aushingen. Unter den zahlreichen Ausschreibungen waren auch ein paar Haiku-Wettbewerbe, und so versuchte ich mein Glück. Doch ohne mich je zuvor mit dem Haiku auseinandergesetzt zu haben, waren meine Versuche zum Scheitern verurteilt. Keine einzige Veröffentlichung, keine gewonnenen Preise – lediglich eine Handvoll Dreizeiler, die bestenfalls eine Übung im Silbenzählen darstellten, waren das ernüchternde Ergebnis.

Leider verfolgte ich diesen Weg damals nicht weiter und fand erst Jahre später zum Haiku zurück. Diesmal entwickelte ich eine Faszination für diese Form – und eine Beständigkeit, die mir zuvor gefehlt hatte. Im Laufe der Jahre entstanden daraus mehrere hundert Haiku (fast ausschließlich jenseits des 5-7-5-Schemas), eine Masterarbeit über das amerikanische Haiku sowie ein kleiner Haiku-Band, Taumelnder Kreisel. Ein weiteres wichtiges Ereignis für mich war die Entdeckung des Tanka, durch das Haiku, ohne welches ich wohl nie auf das Tanka aufmerksam geworden wäre.

Heute bildet das Haiku neben dem Tanka und der „westlichen“ Lyrik das Dreigestirn meines kreativen Schaffens. Manchmal frage ich mich, wenn ich auf das zurückblicke, was ich geschrieben habe, ob vielleicht mehr möglich gewesen wäre. Ob einige Dinge vielleicht anders gelaufen wären, wenn ich damals, 1999, das Haiku konsequent weiterverfolgt hätte. Ich werde es nie erfahren.

ich bin ich bin nicht die dunkelheit zwischen den u-bahn-stationen

Helga Schulz Blank

Wir als Familie haben meine Mutter, die stark dement war, in unseren Haushalt aufgenommen und gepflegt. Ich war Hausfrau, meine drei Töchter (damals 17, 15 und 11 Jahre alt) lebten noch im Haus. Es waren herausfordernde, sehr anstrengende Jahre, die wir alle gut überstanden haben. Nach dem Tod meiner Mutter wollte ich sehr gerne über diese Zeit, das Erlebte, schreiben. Die jüngste Tochter studierte zu der Zeit Germanistik, ich wollte ihr das Schreiben zuschieben. Sie lehnte ab, warf mir den Ball zurück. Nie hatte ich darüber nachgedacht. Ich nahm die Herausforderung an, schrieb seitenweise das Erlebte auf, fand aber nicht so recht den roten Faden für ein Buch.

Ich entdeckte dafür an der Universität Stuttgart das Studium Generale und begann mit Vorlesungen im Fach Germanistik. Sehr schnell fand ich zu den Seminaren „Prosa“ und „Lyrik“ unter der Leitung von Jutta Weber-Bock. Ich blieb bei der Lyrik hängen, die Idee, ein Buch zu schreiben, gab ich auf. Bei Jutta Weber-Bock fand ich mein Zuhause. Sie stellte uns alle Gedichtformen vor, wir schrieben und besprachen unsere Texte in der Gruppe. Das Haiku hat mich dabei besonders angesprochen und ich wurde im Jahr 2013 Mitglied der Deutschen Haiku-Gesellschaft. Im November 2015, bei meinem ersten Haiku-Workshop unter Leitung von Volker Friebel und Peter Wißmann im Kloster Kirchberg, lernte ich einige Mitglieder persönlich kennen. Ich fand immer mehr Zugang zum Haiku, schreibe seit dieser Zeit regelmäßig. Bei meinen vielen Spaziergängen fotografiere ich auch und verbinde gerne beides. Ich schreibe immer wieder über die Natur, bin durch das Haiku viel aufmerksamer, achtsamer geworden, schaue genauer hin. Ich versuche, die ausgetretenen Wege zu verlassen und mich auf schmalen Pfaden näher an Bäumen, grünen Säulen und grauen Schleiern zu bewegen. Ich suche das Kleine, versuche zu beschreiben, was mich bewegt, vielleicht auch einen Bogen zu spannen ins allgemeine Geschehen. Gerne thematisiere ich auch das Menschliche, die Alltagssituationen.

Haiku, Tanka und Haibun können auch politisch sein. Ich versuche, die aktuelle Lage zu beschreiben, ohne zu spalten. In den letzten Jahren hat sich für mich so viel verändert. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mit heute 78 Jahren so viele Umbrüche erlebe und Neues lerne. Einige meiner Freundinnen aus der Schulzeit besitzen weder Smartphone noch Computer. Das könnte ich mir nicht vorstellen. Durch meine sechs Enkel im Alter von 14 bis 5 Jahren bleibe ich aktiv und sie geben mir viel Stoff zum Schreiben. Ich habe 2022 mit anderen den Kneipp Verein Esslingen und Umgebung e. V. gegründet und schreibe seitdem jede Woche einen Artikel im örtlichen Anzeigenblatt, oft mit einem Haiga zum jeweiligen Thema. Ich nehme häufig an den Zoom-Meetings der DHG teil und freue mich über die rege Diskussion in wechselnden Gruppen. Ich bin auch in zwei verschiedenen Schreibgruppen eingebunden, bei denen allerdings wenig Haiku geschrieben werden.

Stolpersteine
auf gebrochener Brücke
suchen sie den Weg

Dagmar Westphal

Vor über dreißig Jahren bot ich meine ersten lyrischen Versuche auf dem Weihnachtsmarkt einer Kirchengemeinde an. Eine Frau fand Gefallen daran und lud mich ein in den Celler Autorenkreis. Dort hörte ich vom kürzesten Gedicht der Weltliteratur und war begeistert.

Mit einem Dreizeiler – der jedoch wenig Ähnlichkeit mit einem Haiku hatte – wie ich von der mittlerweile verstorbenen Vorsitzenden Margret Buerschaper damals erfahren musste – bewarb ich mich um die Mitgliedschaft in der Deutschen Haiku-Gesellschaft.

Wie viele Haiku seitdem aus meiner Feder geflossen sind, weiß ich nicht. Am liebsten sind mir diejenigen mit klassischer Silbenzahl. Sie mischen sich unter alles andere Verdichtete, das ich im Laufe der Jahre, neben Märchen und einem Roman, in einigen Lyrikausgaben veröffentlicht habe, und finden sich auch auf Fotokarten und Kalendern als Geschenk für mir lieb gewordene Menschen.

Faszinierend, auf Haiku-Veranstaltungen hinter Papier und Druckerschwärze lebendigen menschlichen Wesen zu begegnen, in die sich frau manchmal auch verliebt:

Könnte ich fliegen
wie das Licht und die Vögel
mich weiten im Wind.

 

Tanka-Auswahl

Die Auswahl wurde von Claudia Brefeld, Horst-Oliver Buchholz und Sylvia Hartmann vorgenommen. Sie wählten 5 Tanka von 4 Autoren und Autorinnen aus. Es werden max. zwei Tanka pro Autor aufgenommen.

„Ein Tanka, das mich besonders anspricht“ – hier wird ein Tanka besprochen.

 

Ein Tanka, das mich besonders anspricht

Besuch
im Altenheim
die Enkelin
schenkt Großmutter
ihr Puppenhaus

Friedrich Winzer

Eine Menge von Häusern haben in meinem Leben eine wichtige Rolle gespielt: vom Krankenhaus, in dem ich zur Welt gekommen bin, über mein Elternhaus, Schule, Universität bis hin zu vielen anderen Stätten, an denen ich gewohnt, gelernt und gearbeitet habe. Zu meiner Kindheit hat auch ein Puppenhaus gehört, in dem sich ganze Familiendramen abspielten. Und vielleicht wird meine letzte irdische Wohnstätte wie bei der Großmutter im Tanka ein Altenheim sein. Ich wünsche es mir nicht, aber wer weiß schon, ob er nicht eines Tages auf umfassende Betreuung angewiesen sein wird? Es ist schwierig, sich im Alter mit reduzierten Kräften noch einmal auf ein neues Wohnumfeld umzustellen. Eine wichtige Hilfe leisten dabei Beziehungen zu vertrauten Menschen. Liebe, die wir durch sie erfahren, stärkt uns. Solche Liebe wird in diesem Tanka mit knappen Worten nachvollziehbar beschrieben: in Gestalt des kleinen Mädchens, das seiner Großmutter ihr Puppenhaus schenkt. Gewiss hängt sein Herz an diesem Spielzeug. Auch wenn das Geschenk nicht von praktischem Nutzen für die alte Frau ist, so mag es doch Erinnerungen wecken. Und vor allem wird sie die Liebe spüren, die hinter diesem Geschenk steckt, Liebe, die sich oft weniger in großen Gesten äußert als in unauffälligen Begebenheiten. Das Tanka hat eine solche Szene sehr schön eingefangen.

Ausgesucht und kommentiert von Sylvia Hartmann

 

Die Auswahl

Hickeln
das
Kinderspiel
Wir wussten nichts
über Himmel und Hölle

Gudrun Egner

Magisch
mein Poesiealbum
Mutter, Vater, Lehrer …
Alle
behielten recht

Gudrun Egner

die Reisetasche packen
auch sie hat bereits
eine Menge mitgemacht
ich hoffe noch immer
auf Genesung

Birgit Heid

am Nebentisch
frühstücken junge Frauen
mit ihren Kindern
in der Zeitung lese ich
von einer Feuerpause

Marie-Luise Schulze Frenking

 

Besuch
im Altenheim
die Enkelin
schenkt Großmutter
ihr Puppenhaus

Friedrich Winzer

 

Sonderbeitrag von Brigitte ten Brink

Brigitte ten Brink hat aus allen anonymisierten Einsendungen ein Haiku ausgesucht, das sie besonders anspricht.

Streit um nichts
später soll noch ein wenig
Schnee fallen

Eva Limbach

Ein atmosphärisch sehr dichtes und stimmungsvolles Haiku. Streit um nichts und wenig Schnee – beides eigentlich kaum der Rede wert und doch berührt mich dieses Haiku sehr. Erst der Streit, dann der Schnee, der Tag bleibt grau.

Es sind oft die Lappalien, die das Leben schwer machen, zumal wenn sie sich häufen. Ein Streit, in dem es um nichts geht, was macht der für einen Sinn? Oder liegen die Nerven bereits so blank, dass Kleinigkeiten für eine spätere Eskalation ausreichen würden? Hier gibt das Haiku keine Antwort – es bleibt offen.

Der Schreiberin, dem Schreiber gelingt es, mit diesen wenigen Worten eine Gefühlswelt aufzubauen, die einem tiefen Seufzer gleicht, und das, obwohl eigentlich nur die aktuellen Ereignisse beschrieben werden. Es gab einen Streit und es soll noch Schnee fallen. Pragmatischer kann die Situation nicht ausgedrückt werden. Und doch birgt sich zwischen diesen Zeilen und hinter diesen Worten eine Ansammlung von Gefühlen, die im ersten Moment des Lesens eher resignativer Natur sind. Oder gibt es doch noch Hoffnung?

Der Schnee, der noch fallen soll, könnte auch als Metapher gelesen werden. Es ist zwar nur wenig Schnee, doch er reicht, vielleicht, aus, die Wunden, die durch den Streit entstanden sind, zu überdecken.

In diesem Haiku kommt Alltägliches zur Sprache und das schnörkellos, so wie sich der ganz normale Alltag eben präsentiert. Und doch verbirgt sich hinter diesen klaren Worten eine Feinfühligkeit für die Situation. Es ist ein melancholisches Haiku, aus dem Seufzer zu hören sind, in dem ein wenig Resignation fühlbar wird, aber auch Hoffnung zu spüren ist. Ein Haiku, das dem Leser viele Möglichkeiten bietet.

 

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