Es wurden insgesamt 256 Haiku von 87 Autoren/Autorinnen und 58 Tanka von 24 Autoren/Autorinnen für diese Auswahl eingereicht. Einsendeschluss war der 15. Januar 2026. Diese Texte wurden vor Beginn der Auswahl anonymisiert.
Die Wertung der aktuellen Auswahl der HTA wurde koordiniert von Eleonore Nickolay.
Der Einsendeschluss für die nächste Haiku-/Tanka-Auswahl
ist der 15. Januar 2026.
Bitte alle Haiku/Tanka unbedingt gesammelt in einem Vorgang in das Online-Formular auf der DHG-Webseite HALLO HAIKU selbst eintragen: https://haiku.de/haiku-und-tanka-auswahl-einreichen/
Ansonsten per Mail an: auswahlen@sommergras.de
Jeder Teilnehmer kann bis zu sechs Texte – drei Haiku und drei Tanka – einreichen.
Eingereicht werden können nur bisher unveröffentlichte Texte (gilt auch für Veröffentlichungen in Blogs, Foren, inklusive die Foren auf HALLO HAIKU, sozialen Medien und Werkstätten etc.).
Bitte keine Simultan-Einsendungen.
Bitte denselben Text nicht wiederholt einreichen.
Jedes Mitglied der DHG hat die Möglichkeit, eine Einsendung zu benennen, die bei Nichtberücksichtigung durch die Jury auf einer eigenen Mitgliederseite veröffentlicht werden soll.
Mit der Einsendung gibt der Autor/die Autorin das Einverständnis für eine mögliche Veröffentlichung in der DHG-Haiku-Agenda.
Haiku-Auswahl der HTA
Die Jury bestand aus Wolfgang Gründer, Deborah Karl-Brandt und Evelin Schmidt. Die Mitglieder der Auswahlgruppe reichten keine eigenen Texte ein.
Alle ausgewählten Texte – 69 Haiku von 46 Autoren/Autorinnen – werden in alphabetischer Reihenfolge der Autorennamen veröffentlicht. Es werden max. zwei Haiku pro Autor/Autorin aufgenommen.
„Ein Haiku, das mich besonders anspricht“ – unter diesem Motto besteht für jedes Jurymitglied die Möglichkeit, bis zu drei Texte auszusuchen (noch anonymisiert), hier vorzustellen und zu kommentieren.
Ein Haiku, das mich besonders anspricht
Wir üben Mantik
Wie weit werden sie gehen
auf brüchigem EisEva Beylich
Unter Mantik versteht man esoterische, schon von den alten Griechen und Römern ausgeübte Orakelpraktiken. Die alte Frage des Menschen, was das Schicksal für einen bereit halten wird, ist heute plötzlich wieder genauso aktuell wie eh und je. Einer gesichtslosen Übermacht ausgeliefert fragen sich zwei lyrische Ichs, was werden wird. Mehr oder weniger passiv Entscheidungsträgern ausgeliefert, die den lyrischen Ichs noch nicht einmal persönlich bekannt sind, wird deren Leben doch entscheidend von diesen Personen beeinflusst. Das Eis ist brüchig. Wie leicht kann es schiefgehen.
Ich denke an Grönland. Die Drohung von heftigen Auseinandersetzungen, seien sie militärischer oder wirtschaftlicher Art, liegt in der Luft. Eine Situation, die die meisten von uns endgültig überwunden glaubten, ist zurück und mit ihr die alten Ängste und eben auch die uralten, eigentlich schon längst überkommenen Orakelpraktiken.
Dieses Haiku ist ein politisches Haiku und das darf es auch sein!
Die Meinung, dass ein Haiku nicht politisch sein kann, nicht politisch sein sollte, habe ich schon oft gehört. Ich bin der festen Meinung, dass Poesie und insbesondere auch das Haiku die Welt zum Besseren oder Schlechteren verändern können. Gerade in Zeiten der politischen Umbrüche ist es wichtig, Zeugnis abzulegen, was es heißt, als Mensch in diesen herausfordernden Zeiten zu leben. In Zeiten, wo die Menschen und ihre Ansichten immer weiter auseinanderdriften, kann das Haiku als weltweit verbreitete Gedichtform helfen, dem Erlebten eine Stimme und einen Raum zu geben. Das Haiku kann dazu beitragen, Brücken zu schlagen, es kann zu Solidarität, Menschlichkeit und einen menschenwürdigen Umgang miteinander beitragen. Denn wozu ist Kunst sonst da?
Ausgesucht und kommentiert von Deborah Karl-Brandt
der Schattenriss
von Frau und Kind
eingebranntMarie-Luise Schulze Frenking
Dieses kurze, prägnante Gedicht berührt mich sehr. Sofort denke ich an Hiroshima, an die Atombombenabwürfe auf Japan und schon ist er da, der Krieg genauso wie die Opfer des Krieges. Von wenigen Mächtigen erklärt und begonnen, sind es viel zu oft unschuldige Zivilisten, die den Preis für Willkür, Arroganz und Herrschsucht tragen. Gibt es etwas Unschuldigeres, Harmloseres als eine Frau und ihr Kind?
Bei der Komposition des Haiku sticht hervor, wie der mittlere Vers umrahmt wird von den bedrohlich wirkenden zwei verbleibenden Zeilen. Die überaus geschickte Wortwahl „Schattenriss“ und „eingebrannt“ weckt negative Assoziationen. Das gebrannte Kind scheut bekanntlich das Feuer. Der Riss im Schattenriss entfaltet emotional zerstörerische Kräfte. Kein Wort dieses Haiku ist willkürlich gesetzt oder überflüssig. Selbst das oft überlesene Wort „und“ im zweiten Vers wird zum Bedeutungsträger. Es bringt zwei zusammengehörige Teile eines Ganzes zusammen, versinnbildlicht ihre Einheit und erzeugt eine harmonisch-musikalische Grundstimmung, die im starken Kontrast zu den scharfen Doppelkonsonanten (Schattenriss, eingebrannt) der Verse eins und drei stehen. Auch der negative Raum (ma) wird meisterhaft eingesetzt. Es bleibt der ideale Raum im Haiku, der dem Leser erlaubt, dieses Gedicht mit seiner Interpretation fertigzustellen.
Dieses Haiku mahnt, indem es uns die Konsequenzen aufzeigt eines Krieges, der noch nicht einmal einhundert Jahre zurückliegt. Für mich stellt dieses Haiku die moralische Integrität des Lesers auf die Probe. Er muss Stellung beziehen zu den Zeiten, in denen wir leben und in denen politische Konflikte wieder vermehrt aufflackern und eskalieren. Der Krieg ist uns wieder nähergekommen. Und die Frage bleibt zu entscheiden, was jeder Einzelne tun kann, damit es nicht zu weiteren Kriegen, zu weiteren Opfern kommt.
Ausgesucht und kommentiert von Deborah Karl-Brandt
Friedwald
Eine fremde Frau
umarmt Bäume …Friedrich Winzer
Ein Haiku, welches mich zum Nachdenken anregt. Nur aus sieben Worten bestehend erzeugt es doch in meinem Geist zwei lebendige Bilder, die Spannung erzeugen. Das Haiku wird mit dem Wort „Friedwald“ eröffnet. Monumental beherrscht es nicht nur den ersten Vers, sondern fungiert als Tor in das Haiku und etabliert die Stimmung des Gedichtes. Wir befinden uns im emotionalen Winter, es geht um Abschied von geliebten Menschen, ums Loslassen, um Vergänglichkeit und Trauer und letztlich auch um die damit oft verbundene Spiritualität.
Die zweite Zeile beschert uns ein lyrisches Ich, das den Friedwald so oft besucht, dass es jede Person dort kennt und ihm sofort die eine Frau auffällt, die nicht nur fremd ist, sondern auch noch auf eine vielleicht ungebührliche Weise die Bäume umarmt.
Ma wird auf zweierlei Art in diesem Gedicht erzeugt. Zum einen dient ma als Brücke, um Fragment und Phrase zu verbinden und die zwei kontrastierenden Bilder zusammenzuhalten. Zum anderen steckt ma in der Interpunktion (…) ganz am Ende des Gedichts. Während der Leser am Ende der ersten Zeile auf den Gedankensprung vorbereitet wird, der ab der zweiten Zeile erfolgt, fordert das zweite ma den Leser zum Werten auf. Eine Fremde (wo sie nicht sein dürfte), der Ausdruck einer Spiritualität, die vermutlich für unangebracht, störend oder sogar als irrelevant (esoterische Spinnerei) betrachtet wird. Wird der Leser auf die Seite des lyrischen Ichs gezogen oder wird er sich fragen, ob der Wald jemandem exklusiv gehören kann (wir haben eine starke und alte Tradition des Allermannsrechts)?
Friedwälder sind eine relativ neue Art des Bestattungsortes und breiten sich immer mehr aus. Auch ich habe mich plötzlich unvermutet in einem Friedwald wiedergefunden. Ich hatte einen Spaziergang gemacht, dabei die Bäume bewundert, Vögel mit dem Fernglas beobachtet, und erst als ich an einem Stamm zufällig eine Namensplakette sah, wurde mir klar, wo genau ich mich befand. Es hatte noch nicht einmal eine Hinweistafel gegeben. Ich bin die fremde Frau in diesem Haiku und möchte an diesem Ort auffordern, mit sich selbst und anderen doch etwas nachsichtiger zu sein. Der andere ist eben auch nur ein Mensch und wird unsere Gefühle nicht leichtfertig verletzen.
Die scheinbare Objektivität des Haiku ist eben nur eine scheinbare!
Ausgesucht und kommentiert von Deborah Karl-Brandt
vereiste Pfütze
im Sturz noch den Flügelschlag
der Krähe im BlickFrank Sauer
Man sieht den Autor geradezu fallen, es kann nicht die Beobachtung eines „Fallzeugen“ sein, der wüsste nicht, was der Fallende im Blick hat.
Der Moment zwischen aufrecht stehen und auf dem Boden liegen, ein Haiku-Augenblick, wie er gegenwärtiger und bewusster nicht sein kann, und dann hat der Protagonist auch noch verstanden, sich in der Formulierung des Haiku nicht explizit in Erscheinung zu bringen, wir wissen, außer der Tatsache, dass ein Sturz erlebt wird, nichts über ihn, keine Selbstbeschreibung, keine Gefühle, nichts, wir müssen sogar schließen, dass er nicht nur unbeteiligter Beobachter ist. Dann noch der vollendete 5-7-5-Silbenrhythmus! Da auch „Krähe“ ein Kigo ist, haben wir ein Haiku vor uns, das insgesamt dem legendären Haiku mit Bashōs springendem Frosch gleichkommt.
Zu hoffen bleibt, dass der Autor sonst unbeschadet aus dem Ereignis herausgekommen ist.
Ausgesucht und kommentiert von Wolfgang Gründer
Gemäldegalerie –
keine Gleichgesinnte
im leeren SaalDragan J. Ristić
Viele Stunden in einer Gemäldegalerie verbringen, von der Welt entrückt die Welt von gestern betrachten – das ist für mich ein Kurzurlaub. Offensichtlich geht es dem Schreiber oder der Schreiberin dieses Haiku auch so. Und dieser besondere Moment ist in ein Haiku gefasst, das viele Fragen aufwirft.
Es wird eine Gemäldegalerie genannt. Eine bedeutende ganz große Galerie oder eher eine kleinere, für einen speziellen Künstler? Sind dort die alten oder die neuen Meister ausgestellt, die ganz bedeutenden oder eher die Bilder des Landschaftsmalers aus der Region? Es wird von einem Saal geschrieben, es ist also eine große Ausstellung anzunehmen, die zu diesem Haiku inspiriert hat. Nun sind die angesagten Ausstellungen immer gut besucht, man bekommt Zeittickets und lange Schlangen von Besuchern stehen am Eingang.
Die Beobachtung passiert vielleicht an einen normalen Wochentag, ohne großen Besucherandrang und in einem eher unspektakulären Saal, vielleicht ein Geheimtipp oder an dem Ort, an dem das Lieblingsbild hängt.
Die zweite Zeile ist besonders rätselhaft. Es wird von einer Gleichgesinnten gesprochen, die nicht da ist. Eine Frau wird vermisst? Ist es eine Freundin, die nicht pünktlich am Treffpunkt im verabredeten Saal erschienen ist? Ist es ein erstes Date an diesem Ort, das offensichtlich geplatzt ist? Ist es die Frau an der Seite, die sonst immer dabei war und die aus dem Leben getreten ist? Eine Gleichgesinnte sollte es sein, die sich ebenfalls für die Gemälde dieser Galerie und vielleicht dieses Saales begeistert und mit der man sich über die Bilder austauschen kann.
Gut, dass der Saal leer ist und der Besucher oder die Besucherin sinnieren kann, ohne von lauten Besuchergruppen, Führungen oder schwatzenden Damen gestört zu werden. Nur der Besucher allein mit den Bildern. Ich sehe jemanden vor mir, der vor einem Bild steht, allein und nachdenklich. So wie der „Mönch am Meer“ von C.D. Friedrich. Allerdings ist bei diesem Bild nicht anzunehmen, dass der Saal leer ist.
Es wäre jedoch genau das richtige Bild zu diesem Haiku oder doch ein ganz anderes?
Ausgesucht und kommentiert von Evelin Schmidt
Mikroabenteuer
das feinherbe Lächeln
steigt mit ihr ausKlaus Kornexl
Das Wochenende verspricht gutes Wetter, es lockt zu einem Mikroabenteuer in der Nähe, ohne großes Gepäck und Planung. Wie wäre es, in den nächsten Zug zu steigen, egal wohin? Sich einfach treiben lassen und die Welt beobachten. Das gelingt schon bald auf der Reise, denn eine Frau fällt auf. Sie ist sicher allein unterwegs. Wir erfahren nicht viel von der Frau, weder das Alter, das Aussehen, besondere Gepäckstücke, ein Buch, ein Handy – nichts wird beschrieben. Nur ihr Lächeln, das spätestens seit Mona Lisa eine Faszination ausüben kann.
Autor nennt das Lächeln „feinherb“, so, wie einen Wein, der weder trocken noch lieblich ist, sondern irgendwas dazwischen.
Zum feinherben Lächeln sagt Google: charmant, aber distanziert, oft mit einem Hauch von Ironie oder Wissen.
Die Person wird durch ihr Lächeln, was ja per se schon positiv ist, noch interessanter und geheimnisvoller. Der Autor könnte sich fragen: Wohin will sie reisen? Steigen wir an der gleichen Station aus? Steige ich mit ihr aus? Wird sie dort erwartet? Wer könnte diese Frau sein? Hat sie mich auch wahrgenommen? Ist das Lächeln mit einem gegenseitigen Blick begründet? Fragt der Blick, wohin reist du? Eine Durchsage der Bahn zu einer üblichen Verspätung könnte das Lächeln erzeugt haben, typisch Bahn, ich weiß – ihr schafft es nicht besser.
Die Studie der Mitreisenden, der für kurze Zeit wild zusammengewürfelten Schicksalsgemeinschaft, eröffnet einen neuen Blick auf die Mitmenschen. Dann sieht man auch das laute Lachen, ein Grinsen, die freundlichen Blicke oder eben ein feinherbes Lächeln, das dann leider aussteigt.
So gesehen, hat das Mikroabenteuer doch schon mit einer Entdeckung begonnen.
Ausgesucht und kommentiert von Evelin Schmidt
Die Auswahl
Frühjahrsputz
auf dem ungemachten Bett
döst die KatzeRegine Beckmann
Drachentanz –
mein Herz schlägt
mit der Trommel …Daniel Behrens
Maskenzeit –
Menschen verlieren
ihr Gesicht …Daniel Behrens
einer habe Krebs
die Rentnerrunde
trinkt schweigend TeeMartin Berner
letztes Auto verkauft
den Reservekanister
gibt sie nicht herMartin Berner
Februarsonne –
befreit wippt
ein Ast nach obenClaudia Brefeld
dichter Flockenfall …
ein Stück Zeit
kommt zur RuheClaudia Brefeld
Kaltnadelradierung
die Fülle feiner Linien
zwischen unsHorst-Oliver Buchholz
Jahresanfang –
den neuen Kalender aufhängen
mit Zuversicht.Reinhard Dellbrügge
Blitzeis
am Himmel ein
gelber EngelKirsten Döbler
Morgensonne
in der Duschkabine
ein RegenbogenKirsten Döbler
Franziskuskapelle –
im roten Polster eine
KatzenmuldeBernadette Duncan
Winterlandschaft
im Zugfenster
ein Schwarz-Weiß-FilmBettina Engel-Wehner
Kartons gestapelt
im Umzugswagen
am Boden ein SchnullerAnita Falcke
Die Spur, die ich ließ,
und die Spuren der anderen:
ununterscheidbar.Volker Friebel
body positivity
die formvielfalt
der ai-modelsAlexander Groth
hanami
manchmal denke ich
ans sterbenAlexander Groth
Stille …
von Zeit zu Zeit
ein TropfenClaus Hansson
gedeckter Apfelkuchen
das Familiengeheimnis
nimmt sie mit ins GrabGabriele Hartmann
Besuch der Kinder
nun leere ich
den WasserkrugBirgit Heid
Silvesterraketen
an der Kasse treffen sie
aufeinanderBirgit Heid
nach dem Streit
im Türspalt
noch LichtHubert Heizmann
schnelles Internet
ein Arbeiter rüttelt mich
aus meinem TraumHubert Heizmann
dein Anruf
tiefer das Rot
im AbendlichtAngelika Holweger
Schneeflocken –
Folge ich keiner
Sehe ich alleCassian Knoth
Brief aus Hongkong
der Mond aus anderer
PerspektiveSylvia König
im neuen Café
Latte Macchiato und
Uromas StühleSylvia König
Frühtau im Kurpark –
gestützt vom Stock
EichensetzlingeKlaus Kornexl
Mikroabenteuer –
das feinherbe Lächeln
steigt mit ihr ausKlaus Kornexl
Am Totensonntrag
ein neues Wort erklären:
Musterungsbescheid.Moritz Wulf Lange
Der Schnee am Fenster –
im Doppelzimmer steht ein
einziger Koffer.Moritz Wulf Lange
TAG Heuer –
der Straßenhändler gewährt
drei Jahre GarantieEva Limbach
Vorsaison
der fliegende Händler
in FlirtlauneEva Limbach
klare Winternacht …
vom Inselwald her
das Bellen der FüchseRamona Linke
Wintersturm
der Strand über Nacht
verschwundenRamona Linke
kleine Halbwaise
Vaters verschneites Auto
voller HerzenRuth Karoline Mieger
blühender Kirschbaum
ihr Liegestuhl auf der Wiese
bleibt leerRuth Karoline Mieger
Neuschnee
im Kalender notiert sie
den ScheidungsterminEleonore Nickolay
Einkaufsstraße
Ein frohes neues Jahr wünscht
der ObdachloseEleonore Nickolay
die sonne
am ende des tunnels
untergegangenLudmilla Pettke
mondlicht
spielt mit deinem haar
silber steht dirLudmilla Pettke
Mahlzeit
unterm Mülleimer
frühstückt eine KräheJutta Petzold
ein wasserspeier
ein goldgelber ginkgobaum
von freunden versetztJohann Reichsthaler
der alte friedhof
als kind verstecken gespielt
sechzig jahre späterJohann Reichsthaler
die Taube im Hof
pickt die Abendessensreste –
eröffnet mir den TagDragan J. Ristić
Gemäldegalerie –
keine Gleichgesinnte
im leeren SaalDragan J. Ristić
Testamentseröffnung
verschlossen daheim
Vaters TagebuchWolfgang Rödig
Nebenwirkungen
ihre Hände falten
den Beipackzettel neuWolfgang Rödig
vereiste Pfütze
im Sturz noch den Flügelschlag
der Krähe im BlickFrank Sauer
auf dem Tanzparkett
rückenfrei
die Frau aus dem BusFrank Sauer
ein neues Rezept
mehr Salz und noch mehr Hitze
tote Fische im SchilfDetlef Schenke
Kartoffellese
eine rostige Kugel
verwirrt meine HandDetlef Schenke
der alte Schlitten
ich bin ganz froh
rostigen KufenGabriele Schettler
erstes Date
das Herz auf dem Cappuccino
versinkt im SchaumGabriele Schettler
botterbloom
an der straße mit den milchkannen
warten auf den busAnnika Carmen Schmidt
Voller Mond
und der Schatten des Baumes
im SchneeSusanne Schöck
der Schattenriss
von Frau und Kind
eingebranntMarie-Luise Schulze Frenking
Winterabend –
aus dem Kamin des Nachbarn
leuchtender RauchAngelica Seithe
flussuferbank –
zwei menschen gefangen
in ihren träumenHelga Stania
Bratwurst und Glühweinduft
ein Obdachloser wärmt sich
am SchwedenfeuerElisabeth Weber-Strobel
Morgenwäsche
selbst die Seife
hat RisseElisabeth Weber-Strobel
Blätter fallen
einen Lidschlag lang
StilleJohannes Weber
der Himmel stahlblau
wie mein alter Pullover
ErinnerungenHelga Weiss
der Duft von Regen
berührt die trockene Haut
singt in den OhrenHelga Weiss
die gelbe Bank
auf dem Friedhof
bleibt leerBirgit Wendling
Risikobereit
Fünfundneunzig Thesen
Soviel Mut möcht ichIrene Wiedemann
Friedwald
eine fremde Frau
umarmt Bäume …Friedrich Winzer
ein Boot kieloben
gestrandet mit all diesen
verstummten SchreienKlaus-Dieter Wirth
Für jedes Bravsein
ein Leckerli
Der Hund gehorcht sich dickUdo Zielke
Die Jury stellt sich vor
Wolfgang Gründer
Anfang der 2000-er Jahre wollte ich aus beruflichen Gründen die estnische Sprache erlernen. Ich fand hier in Berlin eine gebürtige Estin, die es auf sich nahm, mich in Privatstunden in dieser etwas gewöhnungsbedürftigen, sehr ungewohnten, aber interessanten Sprache zu unterrichten.
Nach den üblichen Einstiegsübungen, Vokabeln, Grammatik, Small Talk sowie leichterer und schwererer Literatur vermisste ich einen noch kreativeren Umgang mit der Sprache.
Ich dachte mir, wir könnten auch Literatur eines anderen Kulturkreises ins Estnische übersetzen. Mir war eine Sammlung mit Haiku in die Hände gefallen, und meine Lehrerin war von der Idee begeistert, Haiku, die schon die Übersetzung aus dem Japanischen ins Deutsche hinter sich hatten, nunmehr noch in die estnische Sprache umzusetzen.
Danach vertiefte ich mich in gängige Haiku-Literatur, auch in Sammlungen der klassischen japanischen Haiku-Dichter, bis ich im Jahr 2016 über den Kontakt zur Deutschen Haiku-Gesellschaft mehr und mehr Spaß am Verfassen eigener Haiku fand.
Schnell fanden sich auch Gelegenheiten bei den Zusammenkünften der von Petra Klingl ins Leben gerufenen Berliner Haiku-Gruppe, Kritik und Anregungen zu erfahren und den Blickwinkel auf das Haiku-Schaffen zu vergrößern.
Für mich hat Haiku zu schreiben viele Parallelen zur Fotografie, die ich seit der Beendigung meiner Schulzeit betreibe. Beide Passionen eint das materielle Festhalten von konkreten Augenblicken. Jeder Augenblick markiert eine Schnittstelle zwischen der zeitlichen Sphäre des „schon nicht mehr“ und der des „gerade noch nicht“. Das Haiku beschreibt diese Schnittstelle handwerklich verbal und von der Intention her offen, es sollte dem Rezipienten also zur Interpretation keine Wertungen, keine Zumessung von Bedeutungen in Bezug auf Inhalte dieser Sphären vorgeben. Sehr passend auch als Grundlage des Haiku-Schaffens finde ich eine Äußerung des Fotografen David Ulrich in seinem Buch ZEN – DER WEG DES FOTOGRAFEN: „Wenn man Ereignisse so erleben möchte, wie sie wirklich sind, muss man sie erfahren, ohne ihnen die geringste persönliche oder kulturelle Bedeutung beizumessen.“
Dieser Zettel
mit Füllhalter beschrieben
die Handschrift schön
Deborah Karl-Brandt
Das Schreiben von Haiku ist für mich mein do, mein Weg, dem ich folge und der mein Lebensgefühl prägt. In einer Zeit, die geprägt ist von einer Übermaß an Lärm, Selbstdarstellung und Überkonsum, setzt das Haiku einen Gegenpol und sorgt für einen Ausgleich und Balance. Das Schreiben und Lesen von Haiku hat mich viel gelehrt, mich zu einem einfacheren, ökologischeren, meinem Charakter entsprechenden Lebensstil angehalten. Ich schätze die Tiefe des Haiku, seine Vielschichtigkeit und seine buddhistischen Wurzeln, die mir geholfen haben, meine eigene Kultur mit anderen Augen anschauen und mein eigenes Ego nicht mehr so wichtig zu nehmen, denn wer von uns hat jemals autonom für sich existiert?
Für mich ist das Haiku/Senryu politisch, auch wenn nicht alle diese Meinung teilen. Ich bin fest davon überzeugt, dass Lyrik und insbesondere das Haiku die Welt zum Guten oder zum Schlechten verändern können. Ich denke, dass insbesondere Haiku, Senryu und Tanka die Schattenseiten unserer Zeit thematisieren sollten und müssen. Sie sollten Akzeptanz und Offenheit fördern. In diesen Zeiten politischer Spaltung ziehen sich viele von uns in die Privatsphäre zurück und wenden sich von denen ab, die unter Ableismus, Fremdenfeindlichkeit oder anderer Diskriminierung leiden.
Als eine mittelalte Frau mit chronischen gesundheitlichen Beeinträchtigungen möchte ich den Menschen eine Stimme geben, die unter Diskriminierung, Vorurteilen und Feindseligkeit leiden und nicht für sich selbst sprechen können. Ich möchte mit meinen Worten Brücken bauen, damit wir einander besser verstehen lernen, aufeinander zugehen und uns unseren globalen Problemen gemeinsam als Menschheit stellen können.
die Wolken teilend
wieder gibt der Arzt
ihrer Psyche die Schuld
Evelin Schmidt
„Haiku – das kürzeste Gedicht der Weltliteratur“, so lautete der Titel zu einem Kurs, für den ich mich angemeldet hatte. Wegen einer zu geringen Teilnehmerzahl musste der Kurs leider abgesagt werden. Jedoch war meine Neugier geweckt. Das Netz bietet unzählige Informationen zum Haiku. Einige Abende und Nächte habe ich mit der Recherche verbracht und war fasziniert. Mit 17 Silben können Augenblicke in Worte gefasst werden. Die genaue Beobachtung der Natur oder des Alltagsgeschehens ist dafür die Basis. Das war genau mein Ding, mit wenigen Worten einen besonderen Moment erfassen.
Die Initialzündung zu dieser Leidenschaft ereignete sich dann im Folkwang Museum Essen im Januar 2015. Dort gab es die großartige Ausstellung „Faszination Japan“, die ich mehrfach besucht habe. Der Einfluss der japanischen Kunst nach der Öffnung Japans auf Europa und auf die Impressionisten wurde anschaulich gezeigt. Die Deutsche Haiku Gesellschaft hatte dort zum Wettbewerb aufgerufen. Zu einem ausgestellten Kunstwerk konnte ein Haiku gedichtet werden. Die „Große Welle“ von Hokusai zog mich in ihren Bann und mit einigermaßen Mut habe ich die Teilnahmekarte eingereicht. Mein Haiku gewann einen Anerkennungspreis, den ich persönlich entgegennehmen durfte. Welche Ehre für einen absoluten Neuling! Da ich mehr über die Haiku-Dichtung lernen wollte, gab mir Claudia Brefeld den Hinweis zur Vierteljahresschrift der DHG SOMMERGRAS.
Ich nahm Kontakt zur Berliner Haiku-Gruppe und ihrer Leiterin Petra Klingl auf, sodass ich dort einen monatlich regen Austausch mit Gleichgesinnten erleben durfte. Seit 2016 bin ich nun Mitglied der DHG. Ich nehme häufig an den Zoom-Meetings teil und freue mich über die Diskussionen in wechselnden Gruppen, zu den im Chat eingereichten Haiku.
Immer wieder gibt es den besonderen Moment, der es wert ist, in ein Haiku gefasst zu werden. Ein Hobby, für das es lediglich einen Bleistift, einen Zeitungsrand oder eine Notiz im Handy bedarf.
Seit ich Haiku schreibe, sehe ich die Welt mit wachen Augen – man kann es auch Achtsamkeit nennen.
Tauwetter
der Schnee von gestern
schwebt im Nebel
Tanka-Auswahl
Die Auswahl wurde von Claudia Brefeld, Horst-Oliver Buchholz und Sylvia Hartmann vorgenommen. Sie wählten 4 Tanka von 3 Autoren und Autorinnen aus. Es werden max. zwei Tanka pro Autor aufgenommen.
„Ein Tanka, das mich besonders anspricht“ – hier wird ein Tanka besprochen.
Ein Tanka, das mich besonders anspricht
Graue Milch
der See am Morgen –
Einer sitzt im Boot
und wartet auf die Stille
in sich selbstAngelica Seithe
Ein sonniger Morgen lockt eher dazu, in die Natur hinauszugehen, als ein trüber Tag. Hier jedoch hat sich einer nicht vom Wetter abhalten lassen. Er ist mit dem Boot hinausgefahren auf einen See. Der See gleicht grauer Milch und spiegelt damit das trübe Wetter wider, das ringsum herrscht. Es gibt bestimmt lohnendere Tage, um die Ruder ins Wasser zu tauchen und eine Bootstour zu unternehmen. Doch halt, der Mensch rudert ja nicht, sondern sitzt einfach in seinem Boot und wartet. Er wartet auf die Stille, heißt es. Dabei sind vermutlich nicht viele außer ihm unterwegs an diesem grauen Morgen auf dem See. Doch Stille ist manchmal schwer zu finden, vor allem innere Stille, wenn einem vieles durch den Kopf geht. In der von Medien bestimmten Welt, in der wir leben, haben wir immer viel um die Ohren und vor Augen. Mit schrillen Tönen und Farben wird versucht, unsere Aufmerksamkeit zu gewinnen. Töne und Farben vermischen sich schnell zu einem bunten Gewirr oder einem einheitlichen Grau. Das Grau des Sees mag nicht nur den Himmel, sondern auch die Verfassung des Menschen im Ruderboot widerspiegeln, in dessen Kopf sich Eindrücke und Gedankenfetzen jagen. Wir brauchen Plätze, an denen wir zur Ruhe kommen können: ein einsamer See, ein Berggipfel, ein Waldweg. Erst wenn ich mich lange genug der äußeren Stille ausgesetzt habe und warte, finde ich auch die Stille in mir. Stille, die mir Kraft gibt, dem bunten und lauten Alltag standzuhalten. Ein atmosphärisch dichtes Tanka, das auf ruhige Weise – wie ein See – etwas von den heutigen Lebensbedingungen widerspiegelt.
Ausgesucht und kommentiert von Sylvia Hartmann
Die Auswahl
Nachts
in ihrer Kammer
erzählt sie alles
der Birke vorm Fenster
und dem WindRegine Beckmann
am Heiligabend
in der Stadtmission
die Gäste bewirten
ich stille meinen eigenen Hunger
nach GemeinschaftBirgit Heid
entdeckt
im Fachwerkhaus
der Großeltern
unter der Tapete
KriegszeitungenFriedrich Winzer
manchmal
wache ich nachts auf
in der Stille
und lausche angespannt
bis ich sie atmen höreFriedrich Winzer
Sonderbeitrag von René Possél
René Possél hat aus allen anonymisierten Einsendungen ein Haiku ausgesucht, das sie besonders anspricht.
die Wolke
an meinem Himmel als würde sie
dazugehörenEva Limbach
Ein ungewöhnliches Haiku. Es überschreitet die klassische Form, rechtfertigt dies aber durch seine besondere Aussage.
Das Haiku beginnt mit dem Wort bzw. Bild „die Wolke“. Es heißt: „die Wolke“ mit bestimmtem Artikel, als sei sie bekannt. Die zweite Zeile setzt den Satz fort und gibt den Kontext an. Dabei sprengt sie die klassische Silbenzahl der 2. Zeile und deutet ein „running through“ an.
Inhaltlich ist hier der Himmel für die Wolke nachgeliefert; auch der hat es in sich. Denn es ist nicht der allgemeine, nein, „mein Himmel“ – ein besitzanzeigendes Fürwort. Das kann eine gänzlich subjektive Sicht bedeuten oder eine gewissermaßen „surreale Komponente“.
„Die Wolke an meinem Himmel“. Es macht gespannt, was diese bestimmte Wolke an meinem Himmel tun würde. Die dritte Zeile bringt die Auflösung und bleibt im Bild bzw. Spiel vom „Eigentum“.
Der Autor/die Autorin betrachtet den Himmel wie ein Großgrundbesitzer sein Land. Und die nicht von ihm geschaffene und dorthin platzierte Wolke wird nun als zu „seinem Himmel“ gehörig erklärt.
Das erscheint entweder skurril oder surreal, jedenfalls ungewöhnlich. Es zeigt, dass das Haiku zwar in der realen Welt angesiedelt ist, aber in Form und Aussage auch „über-real = sur-realistisch“ werden kann.
Das nutzen vor allem moderne Formen des Haiku (Gendai). Sie zeigen, wie die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit überschritten wird.
Mir gefällt die Komposition, die „das Normale“ deutlich überschreitet. (Ich habe mal die Gegenprobe gemacht und versucht, das Haiku formal so zu ändern, dass die übliche klassische Silbenzahl eingehalten wird:
an meinem Himmel
die Wolke als würde sie
dazugehören
Vielleicht liegt es am Eindruck der Originalversion oder daran, dass ein surrealistisches Haiku auch eine entsprechende Form verlangt. Jedenfalls hat die Original-Formulierung einen Charme, der durch die „Richtigstellung“ verlorengeht.)
