Haiku-und Tanka-Auswahl September 2025

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Es wurden insgesamt 292 Haiku von 102 Autoren/Autorinnen und 80 Tanka von 31 Autoren/Autorinnen für diese Auswahl eingereicht. Einsendeschluss war der 15. Juli 2025. Diese Texte wurden vor Beginn der Auswahl anonymisiert.
Die Wertung der aktuellen Auswahl der HTA wurde koordiniert von Eleonore Nickolay.

Der Einsendeschluss für die nächste Haiku-/Tanka-Auswahl

ist der 15. Oktober 2025.

Bitte alle Haiku/Tanka unbedingt gesammelt in einem Vorgang in das Online-Formular auf der DHG-Webseite HALLO HAIKU selbst eintragen: https://haiku.de/haiku-und-tanka-auswahl-einreichen/

Ansonsten per Mail an: auswahlen@sommergras.de

Jeder Teilnehmer kann bis zu sechs Texte – drei Haiku und drei Tanka – einreichen.

Eingereicht werden können nur bisher unveröffentlichte Texte (gilt auch für Veröffentlichungen in Blogs, Foren, inklusive die Foren auf HALLO HAIKU, sozialen Medien und Werkstätten etc.).

Bitte keine Simultan-Einsendungen.

Bitte denselben Text nicht wiederholt einreichen.

Jedes Mitglied der DHG hat die Möglichkeit, eine Einsendung zu benennen, die bei Nichtberücksichtigung durch die Jury auf einer eigenen Mitgliederseite veröffentlicht werden soll.

Mit der Einsendung gibt der Autor/die Autorin das Einverständnis für eine mögliche Veröffentlichung in der DHG-Haiku-Agenda.

 

Haiku-Auswahl der HTA

Die Jury bestand aus Reinhard Dellbrügge, Hildegard Dohrendorf und Jutta Weber-Bock.
Die Mitglieder der Auswahlgruppe reichten keine eigenen Texte ein.

Alle ausgewählten Texte – 42 Haiku von 34 Autoren – werden in alphabetischer Reihenfolge der Autorennamen veröffentlicht. Es werden max. zwei Haiku pro Autor aufgenommen.

„Ein Haiku, das mich besonders anspricht“ – unter diesem Motto besteht für jedes Jurymitglied die Möglichkeit, bis zu drei Texte auszusuchen (noch anonymisiert), hier vorzustellen und zu kommentieren.

 

Ein Haiku, das mich besonders anspricht

Sie fühlt sich wie ei
ne ins Arktiseis gesetz
te Rosenknolle

Michael Hof

„Was ist denn das? Wohl ein missglückter Scherz?“ Dies war mein erster Gedanke beim Lesen des obigen „Haiku“.

Das bizarre Gebilde konfrontiert den Leser mit einer sonderbaren Aussage über jemandes Gefühlszustand. Die erste wie die zweite Zeile enden zudem mit einem nur halben Wort; der fehlende Wortteil steht dann am Anfang der jeweils folgenden Zeile.

Was konnte das anderes sein als blanker Unsinn? Beim näheren Hinsehen fiel mir jedoch auf, dass dieses seltsame „Haiku“ sich pedantisch an das klassische Schema von 5-7-5 Silben hält. Hatte diese Tatsache etwas zu bedeuten? Wies sie auf einen Sinn im Unsinn hin?

Folgende Interpretation ist meines Erachtens möglich:

Der als Haiku auftretende Text untermauert seinen diesbezüglichen Anspruch durch die strikte Beachtung der herkömmlichen Silbenzahl, verteilt auf drei Zeilen. Seine eigentliche Absicht ist dabei, durch die Zerlegung zweier Worte und die Verteilung ihrer Silben auf zwei Zeilen die strenge Orthodoxie des überkommenen Silbenschemas zu verspotten und ad absurdum zu führen. Rigorose formalistische Vorgaben beeinträchtigen den kreativen Gestaltungsprozess. Ebenso wie eine Rosenknolle, die ins Arktiseis gesetzt wird, keine Triebkraft entwickelt, die zu einer Blüte führte, treibt auch der Zwang zur einschnürenden Form keine Blüten hervor.

Es sei noch angemerkt, dass diese Persiflage auf die Formvollendung entfernt an Verfahren der Konkreten Poesie erinnert.

Resümee: Zwar haben wir in dem hier besprochenen Text kein wirkliches Haiku vor uns, vielleicht aber ein Meta-Haiku.

Ausgesucht und kommentiert von Reinhard Dellbrügge

 

Soldatenfriedhof
RIP – wie gern hätten sie
so gelebt

Monika Seidel

Welch ein gelungenes Antikriegs-Haiku!

Die erste Zeile ruft das Bild eines Soldatenfriedhofs auf, wozu wohl jeder eine deutliche Vorstellung hat. Die zweite Zeile beginnt mit der Abkürzung RIP. Sie steht für „requiescat in pace“ (lateinisch) bzw. „rest in peace“ (englisch), also für „Ruhe in Frieden“, eine häufig verwendete Grabinschrift. Darauf folgen die Worte „wie gern hätten sie so gelebt“, nämlich in Frieden.

In seiner Zurückhaltung und schlichten Sachlichkeit, ohne jedes wohlfeile Pathos, kann dieses Haiku als in sich vollendet angesehen werden. Es ist nicht erforderlich, hier noch etwas des Längeren auszuführen – es ist alles gesagt.

Ausgesucht und kommentiert von Reinhard Dellbrügge

 

Auf dem Gehweg
So eng wie nie im Leben
Zwei Stolpersteine

Monika Seidel

Dieses Haiku habe ich mir aus der großen Anzahl der Einsendungen sofort gemerkt. Es ist unentwegt durch meine Gedanken gekreist und in seiner ganzen Tragik mitten in meinem Bauch gelandet. Es hat mit mir geredet, wie es Gemälden zuweilen eigen ist.

Der erste Vers hat nur vier Silben. Das Wort „… Gehweg“ weist mit dem zweifachen weichen „g“ und dem „h“, der das Wort in die Länge zieht, lautlich ins Offene und hält die Spannung – wie ein Gedankenstrich oder eine unausgesprochene weitere Silbe.

Der zweite Vers verspricht am Anfang eine Umarmung, eine Liebesgeschichte. Unvermittelt folgt eine Zäsur. Die Wendung „… im Leben“ lässt meinen Atem stocken.

Im letzten Vers „Zwei Stolpersteine“ entsteht sofort ein Bild im Kopf und etwas verknotet sich in mir. Wir sehen nicht nur mit den Augen, sondern auch mit dem Bauch.

Ein Haiku, das die Erinnerung an nationalsozialistische Verbrechen wachhält und immer wieder durch meine Eingeweide stolpern wird, wenn ich auf einem Gehweg an Stolpersteinen vorbeilaufe, hinschaue und lese. Der Dialog geht weiter und das Haiku weist weit über sich hinaus.

Ausgesucht und kommentiert von Jutta Weber-Bock

 

Kirschblüte
er trägt nicht mehr
der hölzerne Steg

Hubert Heizmann

Dieses Haiku besticht durch seine melancholische Bildsprache und die subtile Tiefe, die sich erst nach mehrmaligem Lesen entfaltet.

Ich mag dieses Haiku, die Sprache ist einfach und doch tiefgründig. Das Haiku regt mich zum Nachdenken über die Vergänglichkeit an.

Die Kirschblüte ist ein klassisches Motiv in der japanischen Dichtkunst und symbolisiert die Vergänglichkeit und Schönheit des Lebens. Der hölzerne Steg, der nicht mehr trägt, könnte ein Symbol für den Verfall oder die Vergänglichkeit sein, aber auch für eine Verbindung die bricht.

Die Kombination dieser beiden Bilder ergibt ein interessantes Spannungsfeld zwischen Schönheit und Verfall. Es ist, als ob die Kirschblüte in all ihrer Pracht den Verfall des Stegs noch betont.

Eines meiner Lieblings-Haiku in diesem Wettbewerb.

Ausgesucht und kommentiert von Hildegard Dohrendorf

 

Die Auswahl

Seenotrettung
ein Maikäfer klammert sich
an meinen Finger

Regine Beckmann

Unter den Linden –
ein Hund markiert
den Alten Fritz

Gerd Börner

drei Tage altes Brot
Hühner versammeln sich um
meinen kleinen Sohn

Maya Daneva

Erstmals erkannt
auf Vaters Jugendfoto
meine Augen

Kirsten Döbler

nach dem Geburtstag
betrachtet sie sich lang im
Puppenhausspiegel

Bernadette Duncan

Stare im Weinberg
… die Bücher des Sommers
zu Ende lesen

Bernadette Duncan

Heimatdorf –
wo der Bäcker war …
ein ambulanter Pflegedienst

Bettina Engel-Wehner

Mitternacht –
Kirchturmuhr und Nachtigall
schlagen im Duett

Bettina Engel-Wehner

Nebelverhangen,
das Tal entlang des Baches.
Ringsum nur Stille.

Josef Graßmugg

Shibori –
auf dem Fluss
Blütenstaub

Claus Hansson

Sommerregen
zum Aquarell verschwimmt
dein Brief

Sandra Hilbert

Verwitwet
sie streichelt den Kater
zum ersten Mal

Sandra Hilbert

Kirschblüte –
er trägt nicht mehr
der hölzerne Steg

Hubert Heizmann

Sie fühlt sich wie ei
ne ins Arktiseis gesetz
te Rosenknolle

Michael Hof

auf dem Fischerboot
in ihrer Hand die Muschel
mit seiner Asche

Sylvia König

Fallobst –
das Japsen des Igels
im Herbstlaub

Klaus Kornexl

ruhiger Teich –
das sachte Zittern
von Blätterschatten

Gérard Krebs

Welkes Sommergras –
immer noch nicht geöffnet
Mamas letzter Brief.

Moritz Wulf Lange

der Garten
von niemandem gepflegt
Glühwürmchengeschwader

Eva Limbach

hagebuttenrot
die Avancen
eines Herbsttages

Eva Limbach

Petrichor
unser Streit
vergessen

Ramona Linke

mit wehendem Schleier
die Nonne
auf einem E-Skooter

Ingrid Meinerts

Am Ostseestrand –
der Kotau der Kiefern
vor dem Wind

Sabina Ptascheck

Freikörperkultur
verstohlener Blick
auf seine Ehefrau

Wolfgang Rödig

nächste Frauenzeitschrift
das kleine Mädchen
sucht seine Sommersprossen

Wolfgang Rödig

zum Abendessen
lud sie ein – jetzt trinken wir
zum Frühstück Kaffee

Peter Rudolf

ihr Parfum
unter dem Dach
ein leeres Bett

Frank Sauer

Pusteblume
zwei Kinderhände versuchen
zu fliegen

Gabriele Schettler

Sommer bei Oma –
Zwieback mit Milch und Zucker
Briefpost mit Krümeln

Vera Schleicher

Nachtwanderung
in die Wildkamera
lächelt der Waschbär

Evelin Schmidt

am Bach
zwischen den Steinen
Holunderblütensterne

Helga Schulz Blank

beim Kanuwandern
sie finden ihn nicht
ihren Rhythmus

Helga Schulz Blank

Auf dem Gehweg
So eng wie nie im Leben
Zwei Stolpersteine

Monika Seidel

Opas Lächeln –
im Weinlaub trappeln
Regentropfen

Angelica Seithe

im Spiegel
ein anderes Bild
als im Kopf

Alexandra von Arx

In schwülwarmer Nacht
Summen der Windmaschine
Die Gäste schon fort

Jennifer H. Weber

die alte Heimat
auf der Straße
fremde Gesichter

Jan Weck

noch ein Abschied
das Grab nach vielen Jahren
nicht mehr verlängert

Jan Weck

Feierabend
ein Kran dreht sich
aus dem Wind

Friedrich Winzer

Fortschritt
wir streiten uns wieder
wie früher

Friedrich Winzer

Eisenzeitwohnstätte
zwischen den Steinresten
blühender Mauerpfeffer

Klaus-Dieter Wirth

Diesiger Morgen
Im Lee des Schilfgürtels
die müde Katze

Udo Zielke

 

Die Jury stellt sich vor

Reinhard Dellbrügge:

Ende der Achtzigerjahre stieß ich zufällig auf eine von Jan Ulenbrook aus dem Urtext ins Deutsche übertragene Sammlung japanischer Haiku. Die fremdartigen Gebilde sprachen mich an und gaben mir zugleich Rätsel auf. In den folgenden Jahren kam ich zuweilen auf die Haiku zurück, indem ich mich selbst an ihnen versuchte sowie auch durch gelegentliche Lektüre, z. B. des Buches „Erste Haiku-Schritte – eine Fibel“ von Teiko Inahata. Doch meine Lebensumstände änderten sich. Andere Dinge verdrängten das Haiku, welches dann über Jahre hinweg sozusagen auf Eis lag.

Im Jahre 2010 entdeckte ich im Internet die DHG und „Haiku heute“. Mein Interesse erwachte erneut. 2013 wurde ich Mitglied der DHG. Seit diesem zweiten Anlauf begleitet mich das Haiku kontinuierlich.

Was nun fasziniert mich an dem Genre?

Das Haiku lässt jeweils gegenwärtige Dinge und Vorgänge in aller Kürze und Konkretheit für sich selber sprechen. Es berührt damit etwas Elementares. Das Haiku gibt Fingerzeige. Dazu bedarf es nur weniger Worte, deren Bedeutung sich im präsentierenden Hinweisen erschöpft.

Ein wichtiges Merkmal eines guten Haiku ist das ihm immanente Ungesagte, auch als Offenheit bezeichnet. Diese Offenheit umschließt, ästhetische Kriterien übersteigend, auch Ungesagtes, das nicht nur willentlich nicht gesagt wird, sondern das nicht gesagt werden kann, nicht sagbar ist. Dieses Unsagbare scheint im Wahrgenommenen mitunter auf. Bereits im Augenblick des Staunens über das Dass der Dinge – dass überhaupt etwas ist – öffnet sich diese Dimension. In einem Haiku, welches darauf reagiert, wird das Unsagbare durch das Ungesagte gesagt.

Vielleicht ist es die Tiefe der Oberfläche, die mich am Haiku fasziniert.

Das Gespräch verstummt:
Ein riesiger Vollmond schwebt
über den Dächern.

Hildegard Dohrendorf:

Geerbt von meinem Großvater stand plötzlich ein großer Karton voller Lyrikbücher bei mir.

Als Kind hatte er mir immer aus den Büchern vorgelesen, und so bekam ich diese nach seinem Tod. Irgendwann fing ich dann selber an, Gedichte zu schreiben, hauptsächlich zu meinen gemalten Bildern. Meist handelte es sich um Vierzeiler.

In den 90er Jahren hatte ich dann den ersten Kontakt zu Ingrid Gretenkort, einem Gründungsmitglied der Deutschen Haiku-Gesellschaft. Sie gab Mal-Workshops im Atelier neben mir und schaute immer mal wieder zu mir rein. Sie sah mein Geschreibsel und gab mir den Rat: Haiku würden besser zu meinen Bildern passen. Sie gab mir irgendwann einige Beispiele von sich und einen Aufnahmeantrag zur Deutschen Haiku-Gesellschaft.

Ich traf sie immer mal wieder, wenn sie in Cuxhaven war und irgendwann hat es mich gepackt. Ich versuchte mich mehr recht als schlecht im Haiku-Schreiben und war inzwischen Mitglied der Deutschen Haiku-Gesellschaft. Bei einem Haiku-Treffen in Landau bekam ich den richtigen Anstoß, lernte, worauf es ankam, und schrieb fortan Haiku, die auch veröffentlicht wurden.

Frühjahrssturm
an das Fenster klopfen
blühende Kletterrosen

Jutta Weber-Bock:

Vor fünfunddreißig Jahren habe ich mit dem Schreiben begonnen und von Anfang an parallel auch als Schreibcoach gearbeitet. An der Universität Stuttgart und der Hochschule der Medien in Stuttgart hatte ich Lehraufträge für kreatives und literarisches Schreiben. Meine eigene Erfahrung, die ich in meinen Kursen und Schreibratgebern teile: Durch das Schreiben gewinnen wir eine neue Sichtweise auf uns selbst.

Seit 2004 bin ich freie Schriftstellerin und habe Erzählungen, Romane, Sachbücher und Gedichte veröffentlicht. Dazu gehörten von Anfang an auch Haiku. Die siebzehn Silben haben mir einen Rahmen geboten: Mich zu beschränken und doch alles sagen zu können.

Mein erstes Haiku ist vor fünfundzwanzig Jahren in einer Anthologie der Neuen Cranach Presse Kronach bei Ingo Cesaro erschienen:

Stimme seiner Frau
der Anrufbeantworter
freundlicher als sie.

Ich schreibe frei nach Georges Perec: „was man im Allgemeinen nicht notiert, was nicht bemerkt wird, was passiert, wenn nichts passiert außer Zeit, Menschen, Autos und Wolken.“ (Georges Perec, Versuch, einen Platz in Paris zu erfassen).

Haiku sind für mich eine kleine Schule der Wahrnehmung. Dabei folge ich der Struktur 5-7-5 Silben in den drei Versen. Mein Blick hat sich im Laufe der Jahre geschärft. Worum es geht, spreche ich nicht aus und sage es doch.

Ich suche immer nach ungewöhnlichen Bildern. Wo sich Löcher auftun und Staub entsteht, spüre ich dem Umbruch, Abbruch, Aufbruch nach. Ich genieße es, wenn sich Wege zu neuen Pfaden entwickeln. Freiräume spielen mit Verdichtungen und Abstände verändern sich. Mein Leben spielt sich ab im zwischen.raum. Gerne jogge ich auf schmalen Pfaden durchs Hinterland wie in der Poesie-Agenda 2020, fünfundzwanzig Jahre nach dem ersten Haiku:

herbst abend sonne
ich folge meinem schatten
und biege falsch ab

 

Da die Jury sich aus wechselnden Teilnehmern zusammensetzen soll, möchte die Redaktion an dieser Stelle ganz herzlich alle interessierten DHG-Mitglieder einladen, als Jurymitglied bei kommenden Auswahlrunden mitzuwirken. Die nächste Auswahl (HTA-151) wird von Eleonore Nickolay koordiniert werden.

Kontakt: eleonore.nickolay@dhg-vorstand.de

 

Sonderbeitrag von René Possél

René Possél hat aus allen anonymisierten Einsendungen ein Haiku ausgesucht, das ihn besonders anspricht.

Nachlass
im Nachtschränkchen
nichts

Marie-Luise Schulze Frenking

Ein Haiku, das besticht: äußerlich durch besondere Kürze, lautlich durch die feine Alliteration: Nachlass – Nachtschränkchen – nichts; und nicht zuletzt inhaltlich durch einen offenen Schluss.

Es bietet dem Leser viele Möglichkeiten der Interpretation.

Das Wort „Nachlass“ in der ersten Zeile evoziert eindeutige Vorstellungen. Da ist ein Mensch gestorben, und die Angehörigen haben mit dem Nachlass zu tun. Was hat der/die Verstorbene hinterlassen? Hier geht es um das, was in der Wohnung verblieben ist.

Da wird in Schränke und Ecken geschaut, was noch an Wertvollem oder Persönlichem übrig ist. Und so schaut man auch in das „Nachtschränkchen“. Das ist ein Möbelstück besonderer Art. Man könnte sagen, es ist ein Ort für Dinge, die ein Mensch beim Schlafengehen ansehen oder um sich haben will – Persönliches oder auch nur Praktisches. Sie werden ihm etwas bedeutet haben und können Aufschluss über Leben und Persönlichkeit jenes Menschen geben.

Daher ist vielleicht die Erwartung groß, dort etwas zu finden, was Näheres über diesen Menschen sagt. Die Spannung, die von dem Möbelstück ausgeht, mündet in die (frustrierende) Erkenntnis: Da ist „nichts“. Versteht man es wörtlich: Gar nichts! Kein Buch, kein Bild, kein Andenken oder sonst was …

Was aber sagt dieses „nichts“ aus? Ist es nur die Enttäuschung der Erben, nichts zu erfahren über den „Erblasser“ oder nichts Besonderes zu finden?

Oder ist es die nüchterne Erkenntnis, dass der/die Tote tatsächlich keine „Geheimnisse“ oder „persönliche Note“ (im Nachtschränkchen) hinterließ?

Was erwarten wir, von einem Leben zu finden, wenn wir posthum alles durchsuchen, anschauen dürfen? Sagt die Enttäuschung nicht auch etwas über uns selber und unsere Gier nach Geheimnissen oder Intimitäten? So bleibt der verstorbene Mensch ein Geheimnis. Und das ist richtig so. Jeder Mensch ist ein Geheimnis. Das ist hier sehr knapp, aber gut gesagt.

 

Tanka-Auswahl der HTA

Die Auswahl wurde von Claudia Brefeld, Horst-Oliver Buchholz und Sylvia Hartmann vorgenommen. Sie wählten 10 Tanka von 9 Autoren und Autorinnen aus. Es werden max. zwei Tanka pro Autor aufgenommen.

„Ein Tanka, das mich besonders anspricht“ – hier wird ein Tanka besprochen.

 

Ein Tanka, das mich besonders anspricht

Im Vorwort der klassischen japanischen Sammlung Kokin-wakashū steht zu Beginn einer eindrucksvollen Tanka-Beschreibung: was Himmel und Erde bewegt, ohne Kraft anzuwenden …Und mir scheint, dass schon diese wenigen Worte die Quintessenz eines Tanka widerspiegeln.

die konturen
sind schärfer
hier in der höhe
zitieren wir
Heinrich Heine

Helga Stania

Einen Berg erklimmen, Schritt für Schritt den Alltag zurücklassen, die Umgebung mit allen Sinnen wahrnehmen und sich selbst mit jedem Meter Höhe weiten. Unwichtige Details rücken in den Hintergrund und Konturen treten schärfer hervor. Hier liegt eine Andeutung aus der heraus sich das Tanka öffnet, denn schnell ist klar, dass die Schärfe der Konturen auch als Metapher zu sehen ist

Es ist die pivot line „hier in der höhe“, die in ihrer Scharnierfunktion den oberen mit dem unteren Teil verbindet – offen und zugleich bündelnd in ihrer Aussage. Das erste gewählte Bild wird von dem zweiten verstärkt, subtile Ähnlichkeiten werden erkennbar. So kann ein zeitloser Moment entstehen, in dem es möglich ist, Neues in vermeintlich Altem zu entdecken.

Ob es Heines Lyrik oder politische Essays sind, aus denen zitiert wird, bleibt offen.* Jedoch ist dies genau die Stärke des Tanka, das eine Vielschichtigkeit anbietet, ohne in eine Beliebigkeit abzurutschen. Nun, ich denke, spätestens an dieser Stelle wird jeder seine eigenen, für ihn wichtigen Stellen in Heines Werken finden und seine eigenen Konturen schärfen!

Und dann wäre da noch: Viele von Heines Gedichten wurden vertont. Ist vielleicht sein Name im Tanka (kurzes Lied) – auch eine verhaltene Hommage?

*Heinrich Heines Leben war von Brüchen und Widrigkeiten geprägt. Er war nicht nur Dichter, der die Alltagssprache lyrikfähig machte, sondern auch ein politisch engagierter, kritischer Journalist, der infolgedessen gleichermaßen beliebt war und angefeindet wurde. Er erhielt in Deutschland Berufsverbot und kämpfte aufgrund seiner jüdische Herkunft zeitlebens mit Zensur und Beschlagnahmung seiner Bücher.

Ausgesucht und kommentiert von Claudia Brefeld

 

 Die Auswahl

endlich eine Ausfahrt
im Kreisverkehr
meiner Gedanken
die Route
wird neu berechnet

Frank Dietrich

Der Nachbar spielt
auf seinem Saxophon
wirklich inspirierend:
Morgen kaufe icheine Trommel.

Hartmut Fillhardt

ein gelber Falter
wo das Haus
einst war
bald möchte ich bleiben
bald weitergehen

Gregor Graf

Im S-Bahnfenster
Zeichnet sich das Profil der
Stadt in Grautönen
Hier und dort mischt die Sonne
Goldstaub zwischen Taubendreck

Christian Hilpert

den Kopf entfalten
an unbekannten Ufern
vielleicht
steck’ ich meinen Mut
in meinen Rucksack und

Gabriele Schettler

frühmorgens
die Frösche im Teich
übergeben
die Konzertleitung
dem Gartenrotschwanz

Marie-Luise Schulze Frenking

sparsam
zeichnet Matisse die Linien
einer Frau
So wäre ich gerne –
mit Worten

Angelica Seithe

den stamm
der linde berührend
das alter
betrachten
meiner hand

Helga Stania

die konturen
sind schärfer
hier in der höhe
zitieren wir
Heinrich Heine

Helga Stania

Verabredung
verwirrt …
ihre Lippen so nah
und doch so fern

Friedrich Winzer

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