
ISBN 978-3-819228-30-8
Inhalt
Editorial
KreAktiv
Haiku-Kaleidoskop
– Klaus-Dieter Wirth: Das Haiku in Frankreich
– Regine Alegiani: Zur Bedeutsamkeit des Haiku im hohen Alter
– Haiga von Eleonore Nickolay
– Moritz Wulf Lange: 100 Jahre Haiku (4)
– Haiga von Debbie Strange und Claudia Brefeld
– Hartmut Fillhardt: Yoko Tawada – jenseits von Haiku?
– Rita Rosen: Frau Chiyo-ni – eine japanische Haiku-Dichterin
– Klaus Stute: Dreimal Bashō – einmal mehr diskutiert
– Foto-Tanka von Gabriele Hartmann und Christof Blumentrath
Neue DHG-Mitglieder
Kompakt
– Claudia Brefeld: Jisei no ku
Auswahlen
– Haiku-Auswahl
– Die Jury stellt sich vor
– Tanka-Auswahl
– Sonderbeitrag von Brigitte ten Brink
– Mitgliederseite
– Haibun
– Haiga von Eleonore Nickolay
– Tan-Renga
– Kettengedichte
– Haiga von Angelika Holweger
Bücher
– Rüdiger Jung: Kalender Unerschütterlich 2026 von Ingo Cesaro
– Rüdiger Jung: Noch wunschverhangen von Ingo Cesaro
– Rüdiger Jung: Lichtgedanken von Sabine Sommerkamp
– Traude Veran: Kometenlieder von Joachim Gunter Hammer
– Haiga von Claudia Brefeld
– Gabriele Hartmann: stille sturm und rote düfte von Ralph Günther Mohnnau
Berichte
– Volker Friebel: Haiku-Preis 2025 von www.haiku-heute
– Haiga von Gabriele Hartmann
– Emiko Miyashita und Claudia Brefeld: Haiku, das über Worte hinausgeht
– Haiga von Georges Hartmann
Mitteilungen
Impressum
Haiku- und Taka-Auswahl
Haiku-Auswahl
Die Jury bestand aus Angelika Holweger, Anke Holtz und Gérard Krebs.
Die Mitglieder der Auswahlgruppe reichten keine eigenen Texte ein.
Alle ausgewählten Texte – 42 Haiku von 32 Autoren/Autorinnen – werden in alphabetischer Reihenfolge der Autorennamen veröffentlicht. Es werden max. zwei Haiku pro Autor/Autorin aufgenommen.
„Ein Haiku, das mich besonders anspricht“ – unter diesem Motto besteht für jedes Jurymitglied die Möglichkeit, bis zu drei Texte auszusuchen (noch anonymisiert), hier vorzustellen und zu kommentieren.
Ein Haiku, das mich besonders anspricht
Geburtstagsblues –
im Gästelachen verwirrt
Mutters Einsamkeit
Klaus Kornexl
Immer wieder faszinierend, wie viel in einem Haiku mit wenigen Worten gesagt werden kann. Dieser Dreizeiler beginnt mit der dreiteiligen Wortzusammensetzung „Geburtstagsblues“. Geburtstage verbinden wir oft mit etwas Erfreulichem, das gefeiert wird, aber durchaus nicht immer und nicht von allen! Das klingt hier im dritten Wortteil „-blues“ schon an. In den nachfolgenden Zeilen 2 und 3 wird dieser Gegensatz deutlicher gemacht.
Als Leserin oder Leser nehmen wir teil an einem solchen Fest. Wir beobachten die Gäste, es wird gelacht, wohl auch angestoßen und gespeist, es sieht nach guter Laune aus. Aber bei der Mutter, der eigentlichen Heldin des Tages, scheint etwas nicht zu stimmen. Sie ist gar nicht richtig mit von der Partie. Wir versetzen uns vielleicht in ihre Lage, identifizieren uns unter Umständen sogar mit ihr. Wir spüren: Diese Frau leidet, und all das Treiben und Feiern um sie herum kann sie nicht davon befreien. Im Gegenteil, sie wird sich dadurch ihres Leidens erst richtig bewusst. Sie kann das Lachen nicht (mehr) teilen, es verwirrt sie nur, denn sie ist, wie wir ganz zum Schluss erfahren, einsam.
Formal ist der 16-silbige Text ganz nahe an der klassischen Silbenzahl 5-7-5 und auch ohne Endreime. Die infolge der Zusammensetzungen gerade mal sechs Wörter sind mit Sorgfalt gesetzt, die drei Zeilen enden semantisch jeweils mit der traurigen Seite dieses Festes: blues/verwirrt/Einsamkeit. Das liest sich wie eine Steigerung, wobei die „Einsamkeit“ als letztes Wort noch hervorgehoben wird. Alles in allem ein eindrücklicher Text!
Ausgesucht und kommentiert von Gérard Krebs
verlassene Fabrik
die Farbtöne
des Rosts
Ramona Linke
Als bildende Künstlerin hat mich dieses Haiku zu nachfolgenden Gedanken inspiriert. Was ist eigentlich Rost? Eine Verbindung aus Eisen, Sauerstoff und Wasser zu Eisenoxid. Rost findet man in vielerlei Tönungen wie z. B. einem kräftigen Rot, Orangebraun, Zimtbraun oder Grautönen bis hin zu erdigen Farben.
Und da fühle und lese ich sogleich eine Verbindung zur Vergänglichkeit. Zum Beispiel durchgerostete Rohre, rostige Gartentore und Kotflügel bis hin zu den geisterhaften Schrottplätzen. Auch die herbstlichen Laubbäume zeigen genau diese Farbskala. Von Kunsthandwerkern wird der natürliche Alterungsprozess oft noch chemisch beschleunigt. Warum eigentlich, wo doch die meisten Menschen mit allen Mitteln versuchen, der Vergänglichkeit, dem Tod zu trotzen. Man denke nur an das gewinn¬trächtige Anti-Aging. Und trotzdem soll die große Engelskulptur im Vorgarten nicht glitzern. Nein, sie trägt Patina, je mehr, desto besser. Glanz war schließlich gestern, Rost in allen Variationen, nicht nur in der verlassenen Fabrik, ist schließlich modern.
Ausgesucht und kommentiert von Angelika Holweger
gespräche zwischen
Besuchern und Bildern belauschen
Galerie
Tim Scharnweber
Ja, das kann sehr interessant sein. Ich erlebe dies gerade bei einer Ausstellung, an der ich als Künstlerin mitbeteiligt bin. Oft sitzt man als Aufsicht eine halbe Stunde lang und dreht Däumchen, weil keine Besucher kommen wollen. Doch plötzlich verirren sich ein paar Leute in die Galerie, weil es draußen regnet. Wie ist ihre Reaktion, wie gucken sie, sagen sie etwas? Und dann ein enttäuschtes Genuschel, „Das habe ich mir anders vorgestellt.“
Sogleich fällt mein Stimmungsbarometer, auch wenn nicht nur meine Exponate gemeint sind. Und dann kommen Menschen, die fragen. Sie sind mir am liebsten, weil ich das Gefühl habe, dass es aus Interesse geschieht. Plötzlich ein staunender Ausruf: „Dieses Bild ist hammermäßig! Wenn ich nur Platz dafür hätte.“ Es ist mein eigenes Bild. Ich habe geschwiegen, aber meine Freundin hat mich verraten.
Gegenüber ein farbenprächtiges Bild einer Kollegin: „Dieses würde ich sofort kaufen, wenn man es quer hängen könnte“, ereifert sich eine Frau.
Und manche Zeitgenossen rennen nur durch, als würden die Sekunden gemessen. Vor der Wand mit den ungerahmten Aquarellen meinte ein Besucher: „Die wären aber gerahmt viel schöner gewesen.“ Dabei wurden sie absichtlich locker angeklebt.
Morgen bin ich wieder dort und lausche…
Ausgesucht und kommentiert von Angelika Holweger
vor der Losbude
alle Hoffnungen
in Fetzen
Marie-Luise Schulze Frenking
Ein Haiku, das mich sofort beim Lesen schmunzeln ließ.
Aber warum nur, beschreibt es doch auf den ersten Blick die vollkommene Abwesenheit von Glück.
„Vor der Losbude“, also auf dem Boden, im Dreck und mit Füßen getreten, liegen sie, „alle Hoffnungen“.
Und dann auch noch „in Fetzen“. Also vollkommen zerstört, irreparabel.
Aber mit dem Wort „Losbude“ höre ich auch Karussellkreischen, der Duft von Zuckerwatte steigt mir in die Nase und blinkende Lichter erzeugen Regenbogenfarben.
Und mittendrin die Losbude. Voller Vorfreude kaufe ich ein Dutzend Lose. Eine Hand voll Glücksversprechen. Doch jedes Los landet nach dem Öffnen auf dem Boden. Nicht einmal bis zum Papierkorb schafft‘s es. Will man doch diese Niete sofort loswerden, um sich hoffnungsvoll dem nächsten Los zu widmen.
Ein für mich gelungenes Haiku, welches viele Erinnerungen und Gedanken hervorruft.
Unter anderem auch die Frage: Ist Glück denn käuflich? Oder ist es nicht schon die Vorfreude, Hoffnung, Spannung und Neugierde die beim Kauf der Lose Glück erzeugt?
Ausgesucht und kommentiert von Anke Holtz
Die Auswahl
Sonntagmorgen
ein Wort nur und alles –
ist anders
Regine Beckmann
Erntedankfest
zum Frühstück süße Früchte
aus Südafrika
Regine Beckmann
Entrümpelung
in Opas Schuppen
noch Mutterholz
Claudia Brefeld
zu dir
über Schnee
der schmilzt
Horst-Oliver Buchholz
den Brief noch in der Hand
tritt sie ans Fenster –
Wildgänse!
Bernadette Duncan
bunte blätter
tanzen im takt
zum laubbläser
Hans Egerer
mein Gesicht
im Eisregen
ein Nadelkissen
Frank Dietrich
am letzten tag
ebbe und flut
in ihrer stimme
Alexander Groth
herbstnebel
nur
ich
Alexander Groth
Sternenlicht
wir reflektieren
den Tag
Gabriele Hartmann
Herbstwind zerrt
am verrammelten Eisstand
Vanilleduft
Sylvia Hartmann
lange Leine
ein Mann umrundet
seinen Hund
Birgit Heid
Im Sandkasten
die erste Liebe
Seifenblasen
Deborah Karl-Brandt
Im Nachtlicht
Der Schatten des Kuscheltiers
wird größer
Deborah Karl-Brandt
Geburtstagsblues –
im Gästelachen verirrt
Mutters Einsamkeit
Klaus Kornexl
Erste Kraniche –
die Kinder im Bus schauen
auf ihre Smartphones.
Moritz Wulf Lange
herbstabend
ich sitze im halbschatten
zeit wird zu gold
Rudolf Leder
Memento mori
die Friedhofskatze
dreht ihre Morgenrunde
Eva Limbach
erste Schwalben
der Trauerredner spricht von
Zeit
Eva Limbach
Teestunde
behutsam gießt er Milch
ins Schweigen
Ramona Linke
verlassene Fabrik
die Farbtöne
des Rosts
Ramona Linke
goldener Herbst
im Briefkasten
eine Mieterhöhung
Ruth Karoline Mieger
alte Burg
vor der Tür zur Folterkammer
blühen Christrosen
Ruth Karoline Mieger
Nebelschwaden
diese Andeutungen
in ihrem letzten Brief …
Eleonore Nickolay
biedermeierstil
sie streicht großmutters möbel
glitzer-neon-pink
Ludmilla Pettke
ohne dich
das Gipfelkreuz
nur ein Gipfelkreuz
Jutta Petzold
Vorstellungsgespräch
sie lässt den Doktortitel
in der Handtasche
Wolfgang Rödig
Parfümerieabteilung
ihr kleiner Junge
übt das Naserümpfen
Wolfgang Rödig
Trauerfeier
danach gehen wir
auf getrennten Wegen
Frank Sauer
Neue Wohnung
Die Nachbarin bringt Brot und Salz
und Ohropax
Michael Rasmus Schernikau
feiner Lavendelduft
als die Luft aus dem Kleidersack
entweicht
Gabriele Schettler
der Schrei meines Sohnes
im Halloweenkostüm
hockt eine Spinne
Gabriele Schettler
Schwalbennester
im verfallenen Haus
zieht Leben ein
Evelin Schmidt
nach der Nachtschicht
im Bett
die Wärmflasche
Marie-Luise Schulze Frenking
vor der Losbude
alle Hoffnungen
in Fetzen
Marie-Luise Schulze Frenking
frostige Frühe
Herbstblätter brechen leise
unter meinem Fuß
Angelica Seithe
herbststurm
das meer von kreuzen
regungslos
Helga Stania
Krankenbesuch
durch die Terrassentür –
Ein Admiral
Angela Hilde Timm
Trauerfeier
die Nägel der Enkelin
tragen schwarz
Elisabeth Weber-Strobel
Bilder aus Gaza –
unterm Apfelbaum
fault das Fallobst
Elisabeth Weber-Strobel
Altenheim
jeden Tag ein Kranich …
gefaltet
Friedrich Winzer
entwirren
mit einer fremden Frau
Hundeleinen
Friedrich Winzer
Die Jury stellt sich vor
Angelika Holweger
Geschrieben habe ich schon immer sehr gerne. Seien es die ersten Aufsätze in der Schule oder die späteren, meist noch gereimten Gedichte zu Geburtstagen. Und diese wurden im Laufe der Zeit immer kürzer, immer mehr verdichtet.
Irgendwann, so Anfang 2000, fand ich zufällig das erste Haiku im Internet. Diese Kürze faszinierte mich. So wollte ich auch dichten können. Meine Vorbilder waren damals u. a. „Haiku-Größen“ wie Dietmar Tauch¬ner, Gerd Börner und Angelika Wienert. Ich las viele gute Haiku und übte und übte. So fand ich dann auch ein Jahrzehnt später zur DHG und wurde dort Mitglied. In der Haiku-Werkstatt war lange Zeit ein reger Austausch. Bei „Haiku heute“ wurden erste Haiku von mir angenommen. Auch im „Sommergras“ wurde ich hin und wieder veröffentlicht. Das waren und sind bis heute immer noch große Momente für mich.
Haiku-Schreiben hat meine Wahrnehmung verändert. Mit meiner Kamera halte ich das scheinbar Unscheinbare fest und gestalte daraus oft erfolgreich Haiga.
Auch mein künstlerisches Schaffen (Drucke und Malerei) wird inzwischen mehr und mehr von der japanischen Dichtkunst inspiriert. Seit Jahren halte ich mit großer Freude themenbezogene Lesungen. Mein ältester Sohn begleitet mich sehr einfühlsam mit seiner klassischen und Flamenco- Gitarre.
Kurz gesagt: Haiku ist mir zu einer Lebenshaltung geworden.
auf Marienfäden
die Sonne übt
Seiltanzen
Anke Holtz
Das Haiku fand mich an einem warmen Sommertag vor etwa zehn Jahren. Es war ein Sonntag am See, und das Haiku erwischte mich in einem Moment vollkommener Langweile.
Fliegenjagd / jeder Klatsch / lauter
Das Haiku bot sich mir mit seiner Kürze und Wortgewandtheit an, um auf kreative Weise meine Gedanken einzufangen. Ohne Hintergrundwissen über das Haiku formte ich so meine ersten eigenen Kurzgedichte.
erster Kuss / Kirschblüten schenken sich / dem Wind
Seitdem hilft mir die Offenheit für „Haiku-Momente“, die Welt um mich herum bewusster wahrzunehmen und der Reizüberflutung Momente der klaren Beobachtung entgegenzusetzen.
Honey Moon Suite / an der Wand / ein Rettungsplan
Es erfüllt mich mit Dankbarkeit und Freude, wenn es gelingt, einen besonderen Moment mit seinen Eindrücken und Empfindungen in nur wenigen Worten festzuhalten. Ebenso beeindruckt mich, dass auch ein vollkommen fremder Leser mit diesen nur drei Zeilen an meinem „Haiku-Moment“ teilhaben kann.
im Klosterzimmer
allein
mit dem Kreuz
Gérard Krebs
Während meines inzwischen schon recht langen Lebens haben Sprachen immer eine wichtige Rolle gespielt. Zuerst lernte ich Französisch, später Deutsch und Schweizerdeutsch, gefolgt von Englisch, Italienisch, Schwedisch, Finnisch und Japanisch; letzteres allerdings nur für den mündlichen Gebrauch. Diese Sprachen standen während bestimmter Lebensperioden und/oder Aufenthaltsorten mehr oder weniger im Vorder- oder Hintergrund. So kam es, dass meine ersten Kontakte mit Haiku-Texten in eine Periode fielen, während der das Englische bei mir sogar zur ersten und bevorzugtesten Sprache geworden war. In den frühen 1970er-Jahren reiste ich mit der Eisenbahn von Finnland quer durch die Sowjetunion nach Japan. Als begeisterter Literaturstudent bereitete ich mich dazu fast aus¬schlie߬lich durch das Lesen japanischer Gedicht-Anthologien in englischer Sprache vor.
Was mich dabei am meisten beeindruckte und faszinierte, waren die kleinen, im Englischen in drei Zeilen ohne Endreim wiedergegebenen Texte. Manche dieser Texte verstand ich oder vermeinte sie zu verstehen, andere blieben mir rätselhaft, forderten mich heraus. Mir gefiel, dass in vielen dieser vor allem älteren Texte ein starker Bezug zu Natur und Jahreszeit festzustellen war und dass mir mein schon zuvor erwachtes Interesse am Buddhismus manches etwas verständlicher machte. Es folgten weitere Reisen nach Japan, wo ich auch zu Fuß auf alten Pfaden viel unterwegs war. Ich las viele Dreizeiler in verschiedenen Sprachen sowie Sekundärliteratur dazu. Allmählich kam ich selbst ins Schreiben solcher Texte auf Englisch und Deutsch und später auch in anderen Sprachen.
Meine allerersten Haiku-Publikationen erschienen in der renommierten amerikanischen Zeitschrift Modern Haiku fast gleichzeitig mit einem deutschen Haiku in der Sommergras Zeitschrift der DHG um die Jahreswende 2008/9:
old trenches/boys playing wars/of their fathers
und
Schnee fällt auf Schnee/zwischen den Häusern der Duft/von Pfefferkuchen.
Ein Jahr später erschien in der britischen Zeitschrift „Blithe Spirit“:
winter wood/a twig’s snow load/drops into silence.
Seither folgten zahlreiche weitere Haiku-Publikationen auch auf haiku-heute.de und anderen Netzseiten, in Anthologien und auf Kalendern, wobei das Deutsche durch meine Übersiedlung von der Schweiz nach Finnland und meine Dozentur am Germanistischen Institut der Universität Helsinki einmal mehr den ersten Platz unter den von mir gebrauchten Sprachen einnahm. Nicht unerwähnt seien noch zwei meiner ganz dem Haiku gewidmeten Bändchen in deutscher Sprache sowie meine zum Teil von Musik begleiteten Haiku-Lesungen in der Schweiz, in Italien, Schweden und Finnland.
Heute kann ich mir ein Leben ganz ohne Haiku kaum noch vorstellen. Wohin ich auch gehe, immer ist ein kleines Notizbuch dabei zum Festhalten ephemerer Momente, die nichtsdestoweniger von großer Bedeutung sein können.
Flocken fallen
es wird immer stiller
in mir
Tanka-Auswahl
Die Auswahl wurde von Claudia Brefeld, Horst-Oliver Buchholz und Sylvia Hartmann vorgenommen. Sie wählten 6 Tanka von 5 Autoren und Autorinnen aus. Es werden max. zwei Tanka pro Autor/Autorin aufgenommen.
„Ein Tanka, das mich besonders anspricht“ – hier wird ein Tanka besprochen.
Ein Tanka, das mich besonders anspricht
der Obdachlose
ohne seinen Hund
. . .
ich hätte ihn
fast nicht erkannt
Frank Dietrich
Obdachlose Menschen – sie gehören zum Bild fast jeder Stadt. Wobei dieses „Stadtbild“ ja gerade durch eine Bemerkung unseres Bundeskanzlers ins Gerede gekommen ist. Er findet den Zustand unserer Städte und das Bild, das sie bieten, eher beängstigend, was er allerdings den Migranten anlastet. Auf jeden Fall wird man die Außenseiter unserer Gesellschaft, seien es nun Zugereiste, Wohnungslose oder Drogen- und Alkoholabhängige, um einmal sehr unterschiedliche Menschen in einem Atemzug zu nennen, eher in der Stadt als auf dem Land finden, weil sie dort bessere Unterschlupf- und Versorgungsmöglichkeiten haben. Wir haben uns – wie der- oder diejenige, die im Tanka zu uns spricht – an sie gewöhnt, so sehr, dass wir sie weniger als Individuen sehen denn eben als einen Teil des Bildes, das unsere Städte bieten.
Dem oder derjenigen, der hinter dem „Ich“ des Gedichtes steht, ist lange Zeit eher der Hund aufgefallen, der den Obdachlosen in seinem Umfeld begleitet, als der Mensch selber. Mit Tieren Mitleid zu empfinden, fällt uns – so glaube ich – manchmal leichter als das Mitleid mit Menschen. Eines Tages aber ist der Hund verschwunden. Sein Fehlen wird im Tanka durch die fehlende dritte Zeile veranschaulicht, die durch drei Punkte ersetzt ist. Sie regen dazu an zu spekulieren: Ist der Hund weggelaufen, krank oder gar gestorben? Das Leben auf der Straße ist hart, für Mensch und Tier. Plötzlich nimmt der, der hier spricht, auch den Menschen „hinter dem Hund“ wahr, selbst wenn er ihn kaum wiedererkennt, weil sein Fokus bisher immer auf dem Tier gelegen hat. Aber einen Menschen in seiner Bedürftigkeit wahrzunehmen, ist schon viel wert. Ein Tanka, das nachdenklich macht und mich hoffentlich daran erinnert, mit offenen Augen durch meine Stadt zu gehen.
Ausgesucht und kommentiert von Sylvia Hartmann
Die Auswahl
der Obdachlose
ohne seinen Hund
. . .
ich hätte ihn
fast nicht erkannt
Frank Dietrich
Gedenken
an Großvater
seine Pendeluhr
schlägt nun
mir die Stunde
Marie-Luise Schulze Frenking
Spezialfahrzeug
ungestüm lacht der Junge
im Rollstuhl
mit seinem Papa
im Fahrtwind
Marie-Luise Schulze Frenking
zu Hause
nach langer Krankheit
erlebe ich
den Sonnenaufgang
in einer neuen Welt
Friedrich Winzer
So nebelkalt
die täglichen Ufer am Fluss –
du lächelst mir zu
und Farbe strömt ein
ins erstarrte Land
Angelica Seithe
hier ging ich
gemeinsam
mit vater
und find nun ein lächeln
in fremdem gesicht
Helga Stania
Sonderbeitrag von Brigitte ten Brink
Brigitte ten Brink hat aus allen anonymisierten Einsendungen ein Haiku ausgesucht, das sie besonders anspricht.
der Schrei meines Sohnes
im Halloweenkostüm
hockt eine Spinne
Gabriele Schettler
Dass meine Wahl für den Sonderbeitrag auf dieses Haiku fiel, hängt u. a. damit zusammen, dass es mich beim Lesen, da mir ähnliche Situationen durchaus bekannt sind, zum Lächeln brachte. Meine beiden Enkelsöhne lieben Halloween, das Kostüm kann gar nicht gruselig genug sein, und Spinnen gehören dazu. Aber wenn der Fußball im Garten unter die Büsche rollt, müssen Oma oder Opa ihn wieder hervorholen. Wer weiß, welches Getier sich dort versteckt.
Ein tiefer greifendes Kriterium für diese Wahl ist jedoch die Art und Weise, wie das Halloween-Thema hier aufgegriffen wird. Geschrieben ist es aus der Sicht eines Elternteils. Die erste Zeile „der Schrei meines Sohnes“ erweckt den Anschein, als wäre etwas Schlimmes geschehen. Die zweite Zeile „im Halloweenkostüm“ grenzt die Situation, die den Schrei hervorruft, dann stark ein. Es ist Halloweentag und Schauerliches ist angesagt. Die dritte Zeile bringt die Auflösung: Eine Spinne, die im Halloweenkostüm krabbelt, ist die Urheberin des Schreies.
Dieses Haiku beschreibt mit einem Schmunzeln die Diskrepanz des Momentes. Da will einer in einem furchterregenden Gewand andere erschrecken, ist aber selber dem Anblick einer an und für sich harmlosen Spinne nicht gewachsen. Diese Widersprüchlichkeit wird durch die Worte „im Halloweenkostüm“ in der mittleren Zeile noch verstärkt. Sie dient als Scharniervers und lässt sich sowohl der ersten Zeile „der Schrei meines Sohnes im Halloweenkostüm“, als auch der letzten Zeile „im Halloweenkostüm steckt eine Spinne“ zuordnen. Ohne die letzte Zeile könnte der Schrei des Kostümträgers auch eine bewusste Steigerung seines Anspruches sein, möglichst großen Schrecken zu verbreiten. Mit der dritten Zeile wird er jedoch entlarvt. Er, der als Angstmacher auftreten möchte, ist selber ein Angsthase.
Für mich ist dieses Haiku ein sehr gelungenes zum Thema Halloween.
Anm.: Aus der Sicht eines Menschen, der an einer Spinnenphobie leidet, stellt sich dieses Thema allerdings anders dar. In diesem Fall gäbe es für einen Beobachter nichts zum Lachen, denn der Schrei ist durchaus begründet.
KreAktiv
Eine verlassene Bank, ein verwaister Ort, kein Mensch belebt die Szene. Etwas von Melancholie und Abschied glimmt im Licht des späten Jahres.

Wir hatten Sie eingeladen, sich von dieser Stimmung, von diesem Bild inspirieren zu lassen und ein Haiku dazu zu dichten. Und des Herbstes Melancholie inspirierte viele: 33 Einsendungen haben uns erreicht, mehr als sonst. Herzlichen Dank allen! Wir haben die Blätter durchkämmt, gesichtet und ein paar besonders schöne ausgewählt. Die meisten Punkte bekam das Haiku von Angelica Seithe, herzlichen Glückwunsch! Es lautet einfach und klar:
verwaist der Park –
die Wärme spüren
einer kleinen Hand
Eine lakonische Sentenz, gelassen, unaufgeregt – aber nicht ohne innere Spannung! Die Spannung entwickelt sich durch Gegensätze, die sich wie zwischen zwei Polen aufbaut. Da ist der Gegensatz eines weitläufigen, großen Parks und der kleinen Hand, vermutlich die eines Kindes. Da ist der Gegensatz von Kühle oder Kälte gar, die verwaiste Orte ausstrahlen, und die Wärme der kleinen Hand. Und schließlich ist da der Gegensatz von der Einsamkeit eines verwaisten Ortes und der Geborgenheit, die die kleine Hand wärmend spendet. Und: Es ist das kleine Kind, sonst eher ein schutzbedürftiges Wesen, das einem Erwachsenen Wärme, also Geborgenheit gibt; eine Umkehrung gewohnter Beziehungsverhältnisse. So entsteht – wie es gelungenen Haiku oft zu eigen ist – auf kleinem Raum ein beziehungsreiches Geflecht, es entsteht Spannung durch Gegensätze. Da diese Spannung in gelassener Tonalität erklingt, setzt einen weiteren Akzent, einen formalen Akzent. So fügen sich in diesem Haiku Form und Inhalt glücklich zueinander. Glücklich ist auch, wer solches zu lesen findet.
Kommentiert von Horst-Oliver Buchholz
Fünf weitere Haiku fanden großen Anklang, die wir hier gerne zeigen:
Trennung
auf unsere Bank hat sich
der Herbst gelegt
Christa Beau
Was
der Sommer uns noch lässt –
eine Loseblattsammlung
Gudrun Egner
laubbedeckt
dein alter Garten
ohne dich
Sylvia König
altes Paar –
er streicht die Blätter
von der Bank
Thomas Reimann
einsame Stille – da berührt mich ein leises Zwitschern
Angela Schmitt
Alle weiteren Haiku
Modern für Neues
Auferstehung aus Altem
Wachsen am Sterben
Eva Beylich
Lichtes Birkengrün
entlang des Bahndamms damals
noch die Dampflok
Regine Beckmann
Herbstliche Stimmung
Laub nimmt Lichtung in Besitz
Besinnlicher Platz
Michael Böllingen
einsame Bank…
im Herbstlicht goldrotes Laub
doch Kinderstimmen
Verona Costache
Friedwald
ein Ahornblatt fällt raschelnd
zu Boden
Hildegard Dohrendorf
Statt Zeitungsblättern
raschelt der Wind mit dem Laub
auf der Pausenbank
Gabriele Flacke
vor dem Tanz
die Debütantinnen
versammelt
Gabriele Hartmann
Großmutters Decke
der Duft
warmer Haut
Birgit Heid
Erster Herbst
nur das Laub lässt sich nieder
auf unserer Bank
Sandra Hilbert
Bankgeheimnis –
in die Jahre gekommen
die alte Liebe
Jetzt nordic walking
zu dieser Bank oft glücklich
saßen wir hier.
Sandra Hilbert
Anmerkung: Die Leerzeichen sind so gewollt.
Park und Bank verführen
zum Schlurfen durch die Stille
Träume werden wach
Gérard Krebs
auf der bank
letzte herbstblätter
ausruhen auf zeit
Rudolf Leder
Herbstlaub im Fall,
planierte schon wissend, jetzt,
das Aus der Bank.
Peter Ralf Lipka
Reichtum der Natur –
der kleinste Teil nur liegt
auf der Bank
Astrid Niedermeier
Die Last abwerfen
Ausruhen vom vollen Jahr
Frühlingsgedanken?
Peter Paape
Wo einst wir saßen
und die Sonne zögernd sank
liegen jetzt Blätter
Willemina Preiß
Auf den Blättern
einfach
davon fliegen
Bernd Reklies
Wer jetzt allein ist…
Nein! den Rilke zuschlagen
und tanzen gehen
Marie-Luise Schulze Frenking
im dürren laub
von fern ein zirpen –
sommertraum
Maria Schuppler
Das Eichhörnchen
bleibt versteckt im Laub – sie kam
nicht seit drei Tagen
Monika Seidel
Herbststurm
letzte Tänze
verrottender Blätter
Joachim Thiede
Nach erstem Frost
fallen goldgelbe Blätter
in die Stille
Angela Hilde Timm
endlose sommertage
leben und lachen erfüllt
den park
Tim Weber
in den Herbst schauen
die Bank auf der wir saßen
verloren im Laub
Helga Weiss
Schon besetzt, die Bank
Solid und doch verschmolzen –
Ich raste später
Thomas Wittek
Herbstliche Stille
Auf dem Blättermeer
dümpelt eine Bank
Udo Zielke
Aufruf zum Haiku-Dichten
Japanisches Denken und Empfinden vermittelt sich oft durch Wörter oder Begriffe, die nicht so einfach ins Deutsche übersetzt werden können. Claudia Brefeld erläutert solche Begriffe immer wieder in ihrer sehr lesenswerten Reihe „Kompakt vorgestellt“. In diesem Heft, auf Seite 42, ist es der Begriff Jisei no ku (辞世の句), der vorgestellt wird. Er lässt sich am ehesten mit „Abschiedsgedicht vom Leben“ übersetzen, schreibt Claudia Brefeld und führt weiter aus: „Es hat eine lange Tradition in Japan und wurde als Kanshi, Waka/Tanka und Hokku bzw. Haiku geschrieben.“
Wir wollen Sie hier keineswegs in Todesnähe führen, doch ein nahes Thema berühren, das zum Leben gehört wie zu uns selbst: die Vergänglichkeit. Nehmen Sie das als Inspiration, dichten Sie ein Haiku zum Thema Vergänglichkeit. Wir hoffen, das scheint nicht zu düster. Bringen Sie gerne Licht hinein, denn es kann auch eine weise Gelassenheit in einem solchen Text stecken, eine tiefe Erkenntnis und das Annehmen von Vergänglichkeit. Ein Lebensthema, und wir sind äußerst gespannt, wie Sie dem in Form eines Haiku Leben einhauchen. Schicken Sie bitte ein Haiku an
