Sommergras 154 Haiku- und Tanka-Auswahl & KreAktiv

 

ISBN 978-3-696378-06-6

Inhalt

Editorial

KreAktiv

Kaleidoskop

– Klaus-Dieter Wirth: Das Haiku im Vereinigten Königreich
– Regine Alegiani: Aus meinem Haiku-Tagebuch
– Moritz Wulf Lange: 100 Jahre Haiku (7)

Nachruf
– Conrad Miesen: Porträt und Würdigung von Rainer Hesse

Kompakt
– Claudia Brefeld: Dentō-, shinkō- und gendai-Haiku

Auswahlen

– Haiku-Auswahl
– Die Jury stellt sich vor
– Tanka-Auswahl
– Sonderbeitrag von René Possél
– Mitgliederseite
– Haibun
– Kettengedichte

Bücher
– Eleonore Nickolay: Unter dem Kirschbaum von Peter Rudolf
– Frank Sauer: Was sich fügte von Horst-Oliver Buchholz
– Gabriele Hartmann: … für die mit dem selben blut von Ralph Günther Mohnnau

Berichte
– Eleonore Nickolay: DHG-Mitglieder-Versammlung
– Haiga von Claudia Brefeld
– Deborah Karl-Brandt: Die Haiku- und Tanka-Auswahl in Sommergras – Gedanken einer Jurorin

Mitteilungen
– Haiga von Gabriele Hartmann   

Impressum

Haiku- und Tanka-Auswahl September 2026  

Es wurden insgesamt 272 Haiku von 98 Autoren/Autorinnen und 62 Tanka von 26 Autoren/Autorinnen für diese Auswahl eingereicht. Einsendeschluss war der 15. Juli 2026. Diese Texte wurden vor Beginn der Auswahl anonymisiert.

Die Wertung der aktuellen Auswahl der HTA wurde koordiniert von Peter Rudolf

Der Einsendeschluss für die nächste Haiku-/Tanka-Auswahl ist der 10. Oktober 2026.

Bitte alle Haiku/Tanka unbedingt gesammelt in einem Vorgang in das Online-Formular auf der DHG-Webseite selbst eintragen: https://haiku.de/teilnahme/

Ansonsten per Mail an: auswahlen@haiku.de

Jeder Teilnehmer kann bis zu sechs Texte – drei Haiku und drei Tanka – einreichen. Eingereicht werden können nur bisher unveröffentlichte Texte (gilt auch für Veröffentlichungen in Blogs, Foren, sozialen Medien und Werkstätten etc.).

Bitte keine Simultan-Einsendungen.

Bitte denselben Text nicht wiederholt einreichen.

Jedes Mitglied der DHG hat die Möglichkeit, eine Einsendung zu benennen, die bei Nichtberücksichtigung durch die Jury auf einer eigenen Mitgliederseite veröffentlicht werden soll.

Mit der Einsendung gibt der Autor/die Autorin das Einverständnis für eine mögliche Veröffentlichung in der DHG-Haiku-Agenda.

 

Haiku-Auswahl

Die Jury bestand aus Birgit Heid, Frank Sauer und Angela Hilde Timm. Die Mitglieder der Auswahlgruppe reichten keine eigenen Texte ein.

Alle ausgewählten Texte – 49 Haiku von 35 Autoren/Autorinnen – werden in alphabetischer Reihenfolge der Autorennamen veröffentlicht. Es werden max. zwei Haiku pro Autor/Autorin aufgenommen.

„Ein Haiku, das mich besonders anspricht“ – unter diesem Motto besteht für jedes Jurymitglied die Möglichkeit, bis zu drei Texte auszusuchen (noch anonymisiert), hier vorzustellen und zu kommentieren.

Ein Haiku, das mich besonders anspricht

 

in der Bücherei
auf der Suche nach Mama
umarmt sie ein Buch

Sandra Hilbert

Wie wunderbar ist es, den Kindern und Kindeskindern von Anfang an vorzulesen, sie in die Welt der Bücher, der Schrift und der Bilder einzuführen. So früh es geht.

Aus dieser Welt führt das Haiku eine Situation vor Augen, fokussiert auf ein Kind, das noch so jung ist, dass es des Schutzes eines Erwachsenen bedarf, hier der Mutter, die in der Bücherei eventuell gerade an einem anderen Regal ein passendes Buch für ihre Tochter sucht. Das Kind hat sich inzwischen selbstständig gemacht und sich vielleicht in der Leseecke mit Büchern eingerichtet. Es liest und liest und als es aufschaut und die Mutter nicht findet, läuft es los. Der zweite Vers passt in seiner Scharnierfunktion wunderbar zu dem im ersten Vers vorgegeben Ort und der im dritten Vers erfolgten Handlung.

Das Haiku erfüllt alle wesentlichen Merkmale: Es ist gegenwärtig, konkret und es bleibt vor allen Dingen offen, denn wir wissen nicht, ob das Kind bei seiner Suche in Panik geraten ist oder ob es voller Begeisterung der Mama sein gefundenes Buch als Schatz präsentieren will.

Letzteres spricht dafür, denn es presst das Buch nicht an sich, sondern umarmt es – und dieses Verb steht allemal für ein freudiges Ereignis. Aber vielleicht gibt es noch einen ganz anderen Grund für die Umarmung?

Ausgesucht und kommentiert von Frank Sauer

 

Endlich –
Erster Lummensprung
Das Klicken der Kameras

Bernd Reklies

Hier passiert etwas, auf das lange gewartet wurde: Endlich! Gleich im ersten Vers wird eine Spannung aufgebaut. Ein Sprung ins Ungewisse? Und es scheint ja noch weitere Sprünge zu geben, wenn es in der zweiten Zeile ein erster Sprung ist. Schnell wird das Ungewisse klar durch das Bestimmungswort: Lummen, diese schönen, im Wasser und in der Luft gewandten Vögel, die eng an eng in Felsenwänden brüten und deren Junge sich in die Tiefe zum Meer hinstürzen müssen, wenn sie fast flügge ihren Brutplatz an den Steilklippen verlassen müssen.

Dieses Naturschauspiel ist etwas Einzigartiges und zieht wohl viele Menschen an, die bei diesem Ereignis dabei sein und es vor allem im Foto festhalten wollen. Und hier erfolgt ein Bruch in der Wahrnehmung, der überraschende Moment: Konnte man in den ersten beiden Versen dieses faszinierende Spektakel vor dem inneren Auge noch verfolgen, reißt der letzte Vers uns aus der „unschuldigen“ Betrachtung. Das Klicken der Kameras übertönt nun das Geschrei der Vögel, zwängt sich in den Vordergrund, lenkt ab vom Naturschauspiel, bringt die Technik in Stellung, jenen Menschen, der alles und andere vereinnahmen kann. Ein kritischer Mo­ment und höchst ambivalent: Denn genießen wir nicht auch diese wun­dervollen Naturaufnahmen in Magazinen und Dokumentationen von weit entlegenen Landschaften mit seltenen Pflanzen und Tieren im Fernsehen? Natur und Technik, in einem Haiku im Kontrast, mit der Möglichkeit, sich nachhaltig und komplementär aufeinander zu beziehen.

Ausgesucht und kommentiert von Frank Sauer

 

Großelterntag
Oma macht Lieblingsessen
Und Opa Witze

Thomas Wittek

Der Großelterntag ist für alle Beteiligten ein freudiges Ereignis. Das Kind genießt die liebevolle Begegnung und die Abwechslung vom gewohnten Alltag, und die Großeltern legen sich ins Zeug, um den Tag oder Nachmittag als ein besonderes Erlebnis zu gestalten.

Bei diesem Haiku weiß man nicht, ob ein Enkel zu Besuch ist oder mehrere oder wie alt der oder die Enkel sind. Ich nehme an, vor meinem inneren Auge sind zwei Enkel zu Besuch.

Nun ist Oma bemüht, den Enkeln ein schmackhaftes Mahl zuzubereiten. Sogar ihr Lieblingsessen. Natürlich wissen Großmütter, was ihren Enkeln am besten schmeckt. Ein Menü soll es sein, das es zu Hause eher selten gibt. Oma möchte alles richtig machen, um die Freude nicht zu trüben.

Während Großmutter in der Küche am Herd steht und darauf achtet, dass die Nudeln nicht verkochen und die Soße nicht zu salzig wird, beginnt Opa mit der Kommunikation. Und die funktioniert vortrefflich mit Witzen, die man als eine Art Gesellschaftsspiel sehen kann. Man lenkt die Unterhaltung auf spaßige Themen und kann dadurch allzu vertrauliche Gespräche vermeiden.

Vielleicht kann Großmutter mit einem halben Ohr zuhören und wird Opa gelegentlich ermahnen, nicht allzu deftige Witze zu erzählen. Das Lieblingsessen soll ja auch nicht zu stark gewürzt ausfallen. Aber Großvater ist in seinem Element, ihn spornt das Lachen der Enkel an, weiter und noch mehr Witze zu reißen, er setzt klamaukhaft Mimik und Gestik ein und genießt die kindlichen Reaktionen, während Oma im Topf rührt und ihr Zwischenergebnis probiert.

Das Haiku wartet mit einem Klischee auf, das durch seine lakonische Umsetzung charmant und lustig erscheint. Den Handlungsablauf kann ich mir allzu gut vorstellen. Oma macht die Pflicht und hofft, dass die Kinder zufrieden sind, und Opa ist für die Kür zuständig und erlebt die Zufriedenheit unmittelbar und solange, bis die Kinder genug von Opas Witzen haben. Er kann jederzeit den Witzereigen beenden, während sie sich an den Kochvorgang anpassen muss. Der Lohn der Großmutter sind volle Bäuche und zufriedene Gesichter, Großvaters Anerkennung sind Wellen von Lachsalven. Das Risiko einer Enttäuschung und das Erleben von Freude ist ungleich verteilt. Pflichtaufgaben werden seltener gebührend zur Kenntnis genommen, aber ein gutes Unterhaltungsprogramm bleibt, im wörtlichen Sinn, in aller Munde. Der witzige Opa wird unmittelbarer im Gedächtnis bleiben als die hervorragend kochende Oma. Doch nicht jeder kann gute und passende Witze erzählen, nicht jeder kann entsprechend teilweise diffiziler Kinderwünsche eine Lieblingsspeise zubereiten.

Bei umgekehrter Reihenfolge würde sich das Haiku ganz anders lesen, weil der Schwerpunkt auf der letzten Zeile liegt. Ganz herzlichen Dank für das sehr gelungene Haiku über Rollenzuschreibungen!

Ausgesucht und kommentiert von Birgit Heid

 

Die Auswahl

die Bank am Wasser
eingeritzt
ein Herz

Christa Beau

 

Naschkatzen
der Erdbeerkorb
füllt sich nicht

Christa Beau

 

Dösen im Zug
Klanggemisch fremder Sprachen
Kinderweinen

Regine Beckmann

 

bleich stoppelbärtig
mager an Schläuchen
tröstet er sie

Martin Berner

 

kalter Herbstmond
sie sortiert
Liebesbriefe aus

Martin Berner

 

nach dem Luftangriff …
ein Stück des WM-Spielplans
im Schlamm

Maya Daneva

 

nur das Quietschen
meiner Wanderschuhe …
Bergsonnenuntergang

Maya Daneva

 

Strandgang –
im Flutsaum Collagen
aus Muscheln und Tang.

Reinhard Dellbrügge

 

leichtfüßig drei Alte
die Parkhaustreppe runter …
Klassentreffen!

Bernadette Duncan

 

die wärme deiner hand –
spüre sie noch immer
in meinem herzen

Bettina Engel-Werner

 

erloschen das Licht
im Glockenturm … der Vollmond
dreht seine Runde

Bettina Engel-Werner

 

auf dem Balkon
sie kommt ihm näher
die Apfelblüte

Claus Hansson

 

tropische Nacht
das Eis aus deinem Glas schmilzt
in meinem Nabel

Gabriele Hartmann

 

Abschied
auch das Meer zieht
sich zurück

Hubert Heizmann

 

Papierkranich
die faltigen Hände
erinnern sich

Hubert Heizmann

 

in der Bücherei
auf der Suche nach Mama
umarmt sie ein Buch

Sandra Hilbert

 

im Altenheim
wieder jemand gestorben
Mutter denkt an Auszug

Sandra Hilbert

 

rote Rosen
zähle die Jahre
der Dornen

Angelika Holweger

 

Sonntagmorgen
lausche dem Jubilate …
Lerchenhimmel

Angelika Holweger

 

Ein Taubenpaar turtelt
wieder und wieder
auf kahlem Ast.

Saskia Ishikawa-Franke

 

Chrysanthemen …
Der letzte Schluck Tee
kalt

Deborah Karl-Brandt

 

Der Junge
auf seinem Bobbycar spielt
Hände desinfizieren

Deborah Karl-Brandt

 

Nachtwandern allein
unterm Sternenhimmel –
wunschlos

Gérard Krebs

 

das alte Foto
in meinem Reisepass –
Nachsaison

Eva Limbach

 

gefällte Buche
in ihrem Stumpf blühen
Buschwindröschen

Eva Limbach

 

Ausflug
mit den Enkeln
ich darf mit

Jutta Petzold

 

Endlich –
Erster Lummensprung
Das Klicken der Kameras

Bernd Reklies

 

beziehungsmuster –
im synchronflug
das dohlenpaar

Birgit Schaldach-Helmlechner

 

sommerflirt …
sich selbst überlassen jetzt
die erdbeerzeilen

Birgit Schaldach-Helmlechner

 

den kopf gesenkt
die hände gefaltet
ums handy

Tim Scharnweber

 

Lang blickt sie zum Ahorn
vor ihrem Fenster –
Das Papier bleibt weiß

Kirsten Scherbaum

 

Einsamer Wolf
in der Weite des Waldes
Er setzt den Rucksack auf

Pia Schilberg

 

erste Erdbeeren
mit Schnecke und Ameise
gerecht geteilt

Evelin Schmidt

 

die Luft glüht
du kühlst mir die Wangen
mit deinem Eis

Helga Schulz Blank

 

Gartenhelfer
das Eimerchen gefüllt
mit grünen Erdbeeren

Marie-Luise Schulze Frenking

 

im Krankenbett
über das Linoleum
wandert die Sonne

Marie-Luise Schulze Frenking

 

Frühlingsbotschaft –
er bindet seinem Enkelkind
den Schuh

Angelica Seithe

 

Ein Kind
schüttelt die Sätze
im Buch.

Maria Slawowa

 

beim lesen
dich beinahe verpasst
erdbeermond

Helga Stania

 

Durch das Weißweinglas
fällt zitternd ein Sonnenstrahl
auf den Gartentisch

Jochen Stuesser-Simpson

 

Mir bleibt
ein Tal im Kissen.
Du gehst.

Henriette Tomasi

 

Sarajevo
in den Einschlagslöchern
nisten jetzt Tauben

Elisabeth Weber-Strobel

 

Walderdbeeren
ihr Duft öffnet ein Fenster
in ihre Kindheit

Elisabeth Weber-Strobel 

 

Spaziergang
ich lausche den Farben
ihrer Worte

Friedrich Winzer

 

Stallmorgen
ich höre mit den Kühen
Beethoven

Friedrich Winzer

 

Großelterntag
Oma macht Lieblingsessen
Und Opa Witze

Thomas Wittek

 

Sein Blick erloschen
Und das Antlitz verwittert
Der alte Leuchtturm

Thomas Wittek

 

zwiegespräch
er sucht am boden
passende worte

Kristoffer Wolff

 

Waldkindergarten
Der Erzieher spricht von
seiner Holzfällerzeit

Udo Zielke                

 

Die Jury stellt sich vor

Birgit Heid

Wie das Haiku zu mir kam, kann ich nicht mehr mit Gewissheit sagen. Eine Facebook-Freundin machte mich vermutlich darauf aufmerksam. In verschiedenen Lyrik-Ecken war es zuvor als Name aufgetaucht und nachdem ich mir einige angesehen hatte, legte ich sie rasch wieder zur Seite. Abzählsilben mit netten Inhalten vermochten es nicht, bei mir Fuß zu fassen, da ich lyrisch auf hermetischen Pfaden unterwegs war. Doch diese eine Facebook-Bekannte kreuzte immer wieder meinen Weg und suchte das Gespräch mit mir. Sie schrieb gerne Haiku. Ihr Stil war anders. Eine Chimäre, Rotz am Ärmel bei Seitenwind. Das gefiel mir. Er war kraftvoller und lebensnaher als jene Haiku, die ich zuvor gelesen hatte. Vor zwölf Jahren lernte ich sie persönlich kennen. Allmählich näherte sich mir auch das Haiku. Zunächst begann auch ich damit, Silben zu zählen, und wagte lange Zeit nicht, meine Ergebnisse versierteren Haiku-Freunden auf „haiku-like“ in Facebook zu präsentieren. Intuitiv wusste ich, dass sie noch nicht viel wert waren. Doch die kleine Form in Kombination mit großen Aussagen reizte mich. Wie auch der Natur- und Jahreszeitenbezug. Ich blieb dran und schreibe mittlerweile seit fünfzehn Jahren.

Das erste Haiku, das ich in meinem Blog noemipoesie.wordpress.com fand, stammt vom September 2011. Ein typisches Einsteiger-Haiku:

Nebel im Laubwald:
kühles Knacken der Äste;
Gegenwart – heimlich.

Nun ja. Ein kühles Knacken macht wenig Sinn. Ebenso wie eine heimliche Gegenwart. Der Begriff Gegenwart ist darüber hinaus nicht konkret, da sie immer besteht und damit für das Haiku unerheblich ist. Heute würde ich schreiben:

Laubwald im Nebel
das Knacken eines Zweiges
wie Mutters Wanduhr

  

Frank Sauer

 Meine erste Begegnung mit dieser „kürzesten Gedichtform der Welt“ liegt weit zurück im Dunkeln. Irgendwo war ich dem Haiku schon mal begegnet, aber es sprach nicht zu mir. Aber als ich vor etwa fünfzehn Jahren bei einem Treffen mit anderen Literaten in der „Bundesakademie für kulturelle Bildung“ in Wolfenbüttel beim Kaffee saß, erzählte einer der Teilnehmer davon, dass es sogar einen Verein dafür gäbe mit eigenem Periodikum, dem SOMMERGRAS. Mein Interesse war geweckt, aber noch schrieb ich keine Haiku, sondern nach wie vor hauptsächlich moderne Lyrik und Reiseberichte. Dann kam der besondere Moment:

Bei der Ausarbeitung meiner Reise nach Patagonien tüftelte ich lange an einem Konzept, wie ich persönliche Erlebnisse, Fotografien sowie Gefühle und Gedanken in poetischer Sprache nebeneinander und in Korrespondenz miteinander verknüpfen konnte. Da ich beruflich mit Schulbüchern befasst war, legte ich außerdem viel Wert auf Reihenfolge, Aufteilung und Gestaltung der einzelnen Seiten. Ich erinnerte mich wieder an das Haiku! Also übertrug ich auf eine Seite meine überarbeiteten Tagebuchaufzeichnungen und auf die andere ein Foto mit darunterstehendem Haiku. Nun ja, in heutiger Betrachtung waren es aber nur stimmungsvolle Dreizeiler.

Es bedurfte wieder eines längeren Zeitraums, bis ich zu den Besonderheiten und Feinheiten des Haiku vordrang: In der Coronazeit las ich endlich mal „was Näheres“ darüber und stieß bei meinen Recherchen im Netz auf die DHG. Ich nahm das Angebot des Mentorings im SOMMERGRAS an und schickte Claudia Brefeld und später auch Eleonore Nickolay jeweils zehn meiner besten Versuche. Und da ich – geschult durch diverse Textwerkstätten – recht gut mit konstruktiver Kritik umgehen kann, waren ihre „Lektionen“ eine großartige Bereicherung ebenso wie in den Folgejahren der Schreibprozess und der kontinuierliche Austausch mit anderen Haijin in verschiedenen Foren.

Atemzüge
zwischen den Wellen
das Schweigen der See

 

Angela Hilde Timm

Die Haiku-Welt fasziniert mich wegen ihrer Vielfältigkeit und wegen des Verbindenden über Bundes- und Landesgrenzen hinweg. Besonders gefällt mir der vielseitige Austausch, seit ich im Juni 2013 auf dem Kirchentag in Hamburg an meinem ersten Haiku-Workshop teilnahm. Im Juni-SOMMERGRAS 2014 stellte ich mich dann als neues Mitglied der DHG vor, 2015 dann beim Treffen in Wiesbaden.

Nun konnte ich nach langen Jahren am ersten Maiwochenende wieder an dem Treffen der Deutschen Haiku-Gesellschaft – diesmal in Hom­burg/Saar – teilnehmen und habe dort viele liebenswerte und engagierte Frauen und Männer aus der Haiku-Welt wiedergesehen oder neu kennengelernt. Ich freue mich sehr, nun wieder Gesichter und Gespräche aus meiner frischen Erinnerung wachrufen zu können, wenn ich zum Beispiel das SOMMERGRAS lese oder auch die Auswahlen von Haiku Heute und das Jahrbuch 2025 von Volker Friebel. Der suchende Blick nach einem Haiku-Moment, der dann in Worte gefasst und in Veröffentlichungen geteilt wird, ist das Verbindende, gepaart mit der gemeinsamen Freude an diesem gelungenen Versuch. Dies ist auch ein Grund, warum ich mich in Homburg anbot, zum zweiten Mal an der Juryarbeit für diese Ausgabe des SOMMERGRAS teilzunehmen.

Naturlyrik in drei Zeilen mit zehn bis siebzehn Silben bewegt mich auf meinen langen Spaziergängen auf der Stader Geest mit unserer Hündin Gracy. Ich nehme einen Eindruck in der Landschaft wahr und kann ihn gedanklich formen und mitnehmen, um ihn später schriftlich festzuhalten. Für mich ist ein Haiku ein ‚Seelenbild‘ oder ein ‚Lustiger Vers‘, der oft erst im Nachklang ganz beim Leser ankommt.

Ich freue mich immer, wenn die dritte Zeile durch eine überraschende Wende ein Lächeln beim Leser hervorruft. So auch bei meinem Urlaubs-Haiku: Auf einmal ist das Verbindende zwischen Betrachterin und der Landschaft da. Wenn ein Haiku bewirkt, dass ich die mich umgebende Schöpfung mit Tier- und Pflanzenwelt und Mitmenschen bewusster wahrnehme, wenn klar wird: Wir sind alle miteinander verbunden, dann bin ich richtig froh.

Im Küstenwind
Die holländische Flagge
Und mein Haar

 

Tanka-Auswahl

 Die Auswahl wurde von Claudia Brefeld, Horst-Oliver Buchholz und Sylvia Hartmann vorgenommen. Sie wählten 3 Tanka von 3 Autoren und Autorinnen aus. Es werden max. zwei Tanka pro Autor/Autorin aufgenommen.

Ein Tanka, das mich besoners anspricht

Zimmer sechs ist leer
Das Bett schon neu bezogen
Auf dem Tisch im Flur
Eine brennende Kerze
Kurz vor dem Erlöschen

Thomas Wittek

Gestorben wird heute selten wie in früheren Jahrhunderten zu Hause im Kreis der Familie. Wessen Leben nicht durch einen Unfall plötzlich ausgelöscht wird, der haucht seinen letzten Atem meistens in einem Krankenhaus aus. Auch dort kann Sterben liebevoll begleitet werden, etwa durch nahestehende Menschen, die bei dem Sterbenden ausharren, oder durch die Zuwendung des Personals, wenn deren andere Dienstpflichten denn Zeit dazu lassen. In manchen Krankenhäusern mögen Kranke tatsächlich nur eine Nummer sein: Die Patientin in Zimmer sechs wird dann irgendwann zur Sterbenden in Nummer 6 und ihr Tod vielleicht nur bei einer Routinerunde entdeckt. Anderswo kommt vielleicht der Seelsorger, entzündet eine Kerze für den verstorbenen Menschen und hält eine kleine Andacht. Ein solches Ritual wird im obenstehenden Tanka angedeutet.

Was jedoch in allen Krankenhäusern gleich ist, ist die Tatsache, dass ein Bett möglichst schnell wieder belegt wird. Die nächsten Kranken warten auf Hilfe, die Kliniken können sich keine leeren Zimmer leisten. So wird das Zimmer gereinigt, das Bett schnell ausgetauscht und frisch bezogen. Immerhin: Im beschriebenen Fall brennt vor dem Zimmer noch die Kerze und erinnert noch an den Menschen, der hier verstorben ist. Aber ihr Erinnerungswert geht noch darüber hinaus: Denn sie selber steht kurz vor dem Erlöschen. Damit erinnert sie die Vorübergehenden daran, wie schnell auch ihr Leben erlöschen kann. Das Gedicht greift diesen Erinnerungsfaden auf und gibt die Mahnung an uns weiter. Mir gefällt dieses Tanka wegen seiner dichten Atmosphäre.

Ausgewählt und kommentiert von Sylvia Hartmann

 

Die Auswahl

 

Radfahren durch die
frühlingskühle Stadt
ich wäre gern frei
doch ich weiß nicht mal
wovon

Birgit Heid

 

der schwarze Schirm
schützte schon meinen Vater
vor dem Regen …
dabei dachten wir alle
das Wetter würde halten

Eva Limbach

 

Zimmer sechs ist leer
Das Bett schon neu bezogen
Auf dem Tisch im Flur
Eine brennende Kerze
Kurz vor dem Erlöschen

Thomas Wittek

Sonderbeitrag von René Possél

René Possél hat aus allen anonymisierten Einsendungen ein Haiku ausgesucht, das ihn besonders anspricht.

Spaziergang
ich lausche den Farben
ihrer Worte

Friedrich Winzer

Dieses Haiku von Friedrich Winzer hat mich sehr angesprochen. Im ersten Entwurf meiner Besprechung hatte ich mein Gefallen, aber auch ein gewisses Ungenügen zum Ausdruck gebracht. Es mündete schließlich in einen Vorschlag für eine „Veränderung“.

Mit Zustimmung der Redaktion und des Autors darf ich die Zumutung von Besprechung und Veränderung veröffentlichen. Für ihr Verständnis wie für ihre Großmütigkeit bin ich sehr dankbar – vor allem Dir, lieber Friedrich, dessen Haiku ich sehr schätze!

Nach dieser Einführung hier der Text meiner Besprechung: Bei dem Haiku vermischen sich Beziehungsleben und das Phänomen der Synästhesie miteinander. Sie hinterlassen bei mir sowohl ein Gefühl der Offenheit als auch ein gewisses Ungenügen.

Das Setting ist klar: Zwei gehen spazieren und unterhalten sich; ob Mann/Frau oder Frau/Frau ist un-eindeutig, aber unwichtig. Die zweite und dritte Zeile bringt die Synästhesie ins Spiel. Wenn einer/eine „den Farben ihrer Worte“ lauscht, dann lösen bei ihm/ihr die aufmerksam gehörten Worte („lauschen“) der anderen die Vorstellung bestimmter Farben im Kopf aus. Das ist apart – aber zunächst alles! Man kann die Synästhesie, eine reale neurologische Wahrnehmung, die es bei ca. vier Prozent der Bevölkerung gibt, einfach so konstatieren. Was nicht gesagt wird, was man aber gerne wüsste, ist: Welche Farben hat der Hörer/die Hörerin nun in und mit den Worten seiner Spaziergangs-Begleiterin gesehen? Das heißt: Worüber haben die beiden gesprochen, welche Farben hat, egal ob wichtig oder belanglos, das Gesagte in dem/der Hörenden hervorgerufen?

Bestimmte Farben können sich mit Dingen, aber auch mit Gefühlen und Erinnerungen verbinden. Sie sagen etwas über die Beziehung des/der einen zum/zur andern. Darüber wird nichts gesagt. Und das hinterlässt ein gewisses Ungenügen. Synästhesie allein ist weder inhaltlich bestimmt noch poetisch. Hier darf die Poesie einsetzen. Daher ein Vorschlag, der das Haiku „liebevoll“ und poetisch zugleich machen würde. Ich bin mir bewusst: Damit greife ich in den kreativen Prozess des Autors/der Autorin ein. Es „verdichtet“ aber das Haiku zu einer inhaltlich und menschlich wunderbaren Aussage:

Spaziergang
ich lausche dem Karmesinrot
ihrer Worte

 

KreAktiv

 Ob es wohl mehr Hunde-Liebhaber gibt als solche der Katzen? Jedenfalls erreichten uns dieses Mal weniger Einsendungen als gewöhnlich für diese Rubrik. 24 Haiku waren es bei Einsendeschluss. Dafür aber haben die Juroren wohlgefällig geschnurrt bei der Auswahl, denn tatsächlich schafften es neun Haiku in diese Auswahl. Eine beachtliche (einmalige?) Quote. Einen klaren Erstplatzierten gab es nicht, gleich vier Haiku erhielten mit 11 Punkten die meisten unter den Einsendungen.

Hier sind sie, wir gratulieren!

auf dem Sofa
im Schnurren der Katze
Ruhe finden

Christa Beau

 

kleine Katze
wartet immer noch auf ihn
am Parkplatz

Regine Beckmann

 

Auch für die Katz
hinterlasse ich eine Nachricht
nach dem Piep

Willemina Preiß       

 

Aus der Ukraine
mitgebracht – Rollkoffer
und Katzenkorb

Traude Veran

 

Und diese Haiku kamen ebenfalls auf leisen Pfoten in die Auswahl

Abwasch.
Mit ihrer Pfote untersucht
die Katze den Schaum.

Reinhard Dellbrügge

 

der Ruf nach dem Kater
seine leuchtenden Augen
in der Dunkelheit

Cornelia Rossberg

 

drei Tage vermisst
stolziert sie an mir vorbei
die alte Kätzin

Elisabeth Weber-Strobel

 

vor Buddhas Augen
entweiht Nachbars Katze
den Zen-Garten

Friedrich Winzer

 

Zurück vom Bäcker
Im Brötchenkorb liegt
die Katze

Kristoffer Wolff

 

Alle weiteren Haiku

Katzenfellschnurren
Vibrationenübertrag
schnelle Gesundung

Eva Beylich

 

fremde Familie …
wir tun so als kennen wir uns
Katze und ich

Bernadette Duncan

 

Kater Leo
verließ die Familie freiwillig
Kleiner Tyrann mit zerkratzten Händen
sah Leo in Nachbars Fenster
und weinte sehr

Gudrun Egner

 

Im Sturm fallen
Ziegel vom Dach. Die Katze
wärmt meinen Rücken

Nicole Erbe

 

dröhnendes Schnurren
woher kommen nur all diese
leeren Flaschen?

Gabriele Hartmann

 

sie leckt ihre pfoten
ich weiß, was sie denkt
und sie weiß es von mir

Birgit Heid

 

Lazy Sunday Afternoon –
träge schlägt der Kater
nach dem Falter

Hubert Heizmann

 

Fehle beim Frühstück
unser Kater kommt zu mir
ans Bett „Krank?“, springt rauf.

Saskia Ishikawa-Franke

 

Katzenfutter für alle
Mieze und Streuner
flankieren einen Igel

Wolfgang Rödig

 

nachtmahr
das atmen fällt schwer
die katze schnurrt

Tim Scharnweber

 

Valentinstag
der Kater bringt
eine tote Maus

Maren Schönfeld

schlehen
hagebutten, pilze, die katze
alles rot.

Thomas Steiner

 

gähnendes Kätzchen
Kirschbaumknospen kurz
vor dem Aufplatzen

Klaus-Dieter Wirth

 

Schwarze Katze – oh,
Sie kreuzt meinen Weg von links –
Wieder nix passiert!

Thomas Wittek

 

possierlich
räkelt sich die Katze
nach Berührung heischend

Ruth Wellbrock

 

  

Aufruf: Dichten Sie ein Haiku zum Thema „Farben“

 Der Herbst ist nicht mehr fern und wird das Grün der Wälder in buntes Blätterlaub wandeln. Lassen Sie sich in dieser Jahreszeit inspirieren zu einem Haiku, das „Farben“ als Thema hat. Es kann, muss aber nicht unbedingt die Natur sein. Denn ob in der Natur oder in der Kunst oder im Schminkkoffer … Farben machen das Leben auf vielfältige Weise bunter. Wir sind gespannt, was Sie sich ausmalen und freuen uns auf Ihre farbigen Werke. Schicken Sie bitte ein Haiku an

 

redaktion@haiku.de

Stichwort: Haiku KreAktiv

Einsendeschluss: 15. Oktober 2026