Gabriele Hartmann – bon-say-verlag

blaue Stunde – Haiku 2023

Erscheinungsjahr: 2024

2024; bon-say-verlag Höchstenbach, Ringbindung, A6 quer, farbiges Innencover, 136 Seiten
ISBN 978-3-945890-54-7

Inhalt:

Weitere Informationen

Textproben, Inhaltsverzeichnisse, Bibliographische Angaben, Bezugsquellen (Nicht alle Elemente gleichzeitig vorhanden)

131 Haiku 2023 von Gabriele Hartmann

Rezension

Brigitte ten Brink
blaue Stunde
Rezension

Gabriele Hartmann legt mit „blaue Stunde“ ihr Haiku-Jahrbuch mit 125 Haiku des Jahres 2023 vor. Wer sie kennt, weiß, dass ihn hier wieder ganz besondere Texte erwarten: tiefgründige, abgründige, nachdenkliche, humorvolle, naturverbundene. Es sind wundervolle poetische und gleichzeitig anschauliche Miniaturen aus dem Leben, dem persönlichen Erleben, aus dem Jahresablauf und den Ereignissen des vergangenen Jahres.

Auch wenn sich die „blaue Stunde“, die der Sammlung den Titel gibt, physikalisch und somit wissenschaftlich erklären lässt, birgt sie im allgemeinen Verständnis etwas Geheimnisvolles, nicht Erklärbares. Dieses besondere blaue Licht, welches wir in der Dämmerung kurz bevor es dunkel wird, wahrnehmen, lässt eine ganz eigene Stimmung aufkommen und birgt eine besondere Faszination, der sich kaum ein Mensch entziehen kann. Das titelgebende Haiku

blaue Stunde
wo unsere Gefühle
wurzeln

findet sich auf S. 61. Es beinhaltet eine wunderbare Erklärung dieses Phänomens, denn es geht in die Tiefe menschlichen Empfindens und beschreibt diesen Vorgang mit einfachen Worten.

In Gabriele Hartmanns Haiku geht es grundsätzlich um das Leben in all seinen Facetten, um das äußere und das innere Leben und Erleben und was es mit den Menschen macht. Es ist egal, welche der Seiten in dem postkartengroßen Büchlein mit Ringbindung ein Leser aufschlägt, er wird direkt in den konkreten Augenblick eines Ereignisses gezogen und das auf unterschiedlichste Art und Weise.

Räuber & Gendarm
eine Stimme
die zum Essen ruft
(S. 6)
und gleich daneben
altes Tagebuch
mit jedem Wort vertieft sich
das Brennen
(S. 7)

Auf dieser Doppelseite prallen scheinbar zwei verschiedene Welten aufeinander: Einer mehr oder weniger unbeschwerten Szene aus der Kindheit (wahrscheinlich war es lästig, aus dem Spiel herausgerissen zu werden, um zum Essen ins Haus zu kommen) wird eine Szene aus der Welt eines Erwachsenen gegenübergestellt, der in den Sog der Erinnerungen gerät. Vielleicht gehört aber das erste der beiden Haiku zu eben diesen Erinnerungen und diese Reihenfolge ist beabsichtigt. So wie das ganze Büchlein in seiner Konzeption und der Anordnung der Haiku einer Choreographie folgt, die sich durch das Jahr und die Jahreszeiten bewegt. Es beginnt mit einem Haiku zum Jahreswechsel und es endet mit zwei Haiku, die in der Zeit zwischen den Jahren angesiedelt sind.

Wintermond
wir zweifeln
und tasten
(S. 6)

Feiertage wir kalibrieren Frieden
(S. 134)

Synkopen
zwischen den Jahren
Überraschungsgäste
(S. 135)

Drei Haiku, die die Unsicherheit des gesamten Jahres 2023 widerspiegeln. Wohin steuern wir als Individuen aber auch als Mitglieder einer Gesellschaft und Bewohner einer Welt, die alles andere als friedlich ist? Und dann sind da die Leerstellen, die Momente der Überraschung, man könnte auch sagen der Überrumpelung, in denen keiner weiß, wohin Entscheidungen und Ereignisse wirklich führen, was sie bewirken werden.
Auf den Seiten dazwischen gibt es Haiku-Momente zu lesen, die berühren, erstaunen, dem Leser aus der Seele sprechen, Dinge auf den Punkt bringen, analysieren, zum Nachdenken anregen oder auch einfach „nur“ beschreiben und trotzdem vieles sagen.

herbstlicher Wind
die Kronen der Bäume
füllen sich mit Himmel
(S. 95)

Es sind Ereignisse aus dem menschlichen und zwischenmenschlichen Bereich, aus dem gesellschaftlichen und sozialen, auch aus dem politischen und immer wieder Bilder aus der Natur und aus der Wissenschaft, für die Gabriele Hartmann eine wunderbare poetische und gleichzeitig konkrete Sprache findet. Und immer wieder auch klingen philosophische und metaphysische Töne an, die ins Übersinnliche gleiten und ins Innerste dringen.

verlorene Zeit
durch zerbrochene Scheiben
tropft Glockenklang
(S. 74)

Gerne würde ich noch mein Lieblings-Haiku aus diesem Büchlein zitieren, doch ich kann mich nicht entscheiden …

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