Eduard Klopfenstein, Masami Ono-Feller

Haiku, Gedichte aus fünf Jahrhunderten

Erscheinungsjahr: 2017

Reclam/Stuttgart, 420 Seiten. ISBN 978-3-15-011116-1.
Unter Mitwirkung von Kaneko Tōta und Kuroda Momoko, welche gemäß Vorwort die Auswahl der 100 neueren Haiku ab 1850 übernommen haben.
Hardcover. Im Buchhandel erhältlich.

NEUAUFLAGE vorgesehen für Februar 2022

Inhalt:

Weitere Informationen

Textproben, Inhaltsverzeichnisse, Bibliographische Angaben, Bezugsquellen (Nicht alle Elemente gleichzeitig vorhanden)

305 Haiku, im japanischen Original und deutsch, jeweils mit Nennung des Kigo sowie mit einer das Verständnis vertiefenden Erklärung. Im Anhang: Biographische Notizen zu den Autoren; ein kleines Haiku-Glossar; ein Essay zum Kasen “solch eine”; ein kurzer Überblick über die Geschichte des Haiku; ein ansprechendes Literaturverzeichnis.

Rezension

Wer sich eingehender mit der Haiku-Dichtung beschäftigt hat, dürfte sich dankbar der Namen von Horst Hammitzsch, Geza S. Dombrady und in jüngerer Zeit besonders von Ekkehard May erinnern. Ihnen sind nun die von Eduard Klopfenstein und Masami Ono-Feller hinzuzufügen, die mit ihrer umfassenden Anthologie „von den Anfängen bis in die unmittelbare Gegenwart“ in der Tat ein Standardwerk geschaffen haben, wie es das bislang noch nicht gab, demnach hoch notwendig war. Kurzum, es erfüllt dazu auch weitestgehend die Erwartungen, die man in ein solches Unternehmen setzen konnte.

Insgesamt werden 305 Haiku vorgestellt, beginnend mit den frühen Autoren Yamazaki Sôkan und Arakida Moritake aus dem 15./16. Jh., sodann mit den Schwerpunkten auf Matsuo Bashô, Yosa Buson und Kabayashj Issa – wobei seltsamerweise Masaoka Shiki mit nur zwei Beispielen allzu kurz bedacht wird – bis hin zu zeitgenössischen „Revoluzzern“ – wie Takayanagi Shigenobu oder Natsuishi Ban’ya. Auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass sogar nicht weniger als 34 Autorinnen zu Wort kommen. Wer also bisher nur Chiyo-ni mit ihrem berühmten Trichterwinden-Haiku nennen konnte, hat jetzt hinreichend Material zur Verfügung, um seinen Horizont auch in dieser Richtung zu erweitern.

Alle Texte werden einmal in ihrem japanischen Original, d.h. in Kanji- und Hiragana-Schriftzeichen dargeboten, sodann in Romaji, unserem lateinischen Alphabet, weiterhin mit der Kennzeichnung des jeweiligen Jahreszeitenworts (kigo), mit Angabe – falls bekannt –des Veröffentlichungsjahrs und – besonders aufschlussreich – mit einer detaillierten Kommentierung. Im Anhang folgen außerdem ausführliche bio-bibliografische Angaben zu den einzelnen Dichterinnen und Dichtern, ein kleines Haiku-Glossar – meines Erachtens allerdings zu beschränkt und auch etwas zu willkürlich in der Auswahl –, ein Musterkasen von Kobayashi Issa und seinem Schüler Nishihara Bunko, ein „Nachwort – mit einem kurzen Überblick über die Geschichte der Haiku-Dichtung“ das sehr instruktiv und diesmal ausführlicher ist als man es nach einer solchen Ankündigung erwartet, schließlich das obligatorische Literaturverzeichnis, eins von den Autorinnen und Autoren und selbst eins, in dem alle Haiku noch einmal nach ihren alphabetischen Anfängen in Romaji aufgelistet sind. Insgesamt also zweifelsohne ein äußerst löbliches und gelungenes Unterfangen!

Die generelle Crux bei Anthologien sind bekanntlich immer die Auswahlkriterien, hat doch jeder „Juror“ seine gewissen Präferenzen. In diesem Falle dürfte jedoch an dem allgemeinen Konzept kaum etwas auszusetzen sein. Vermisst man etwa selbst bei den großen Namen den einen oder anderen Text, so wird man wiederum oft durch „Neuentdeckungen“ entschädigt, die einem letztlich erst durch die Kommentare bewusst gemacht wurden. Gerade diese Erläuterungen lassen erkennen, wie geschickt man bei der Auswahl vorgegangen ist, denn die vorgelegten Beispiele tragen nicht nur zur literaturgeschichtlichen Exemplifizierung der Entwicklung des Genres Haiku in Japan bei, sondern ebenso zur landeskundlichen Vermittlung von traditionellen Gebräuchen und historischen Gegebenheiten. Dazu wird immer wieder auf stilistische Besonderheiten hingewiesen, die bezeugen, wie selbst inhaltlich eher belanglos erscheinende Beobachtungen durch den versierten Umgang mit der Sprache und tradiertem Vorwissen ihre künstlerische Bedeutung gewinnen.

Für die Auswahl der älteren Haiku bis etwa 1850 zeichnet Masami Ono-Feller verantwortlich, die der neueren gut hundert übernahmen Kaneko Tôta und Kuroda Momoko. Je geringer der zeitliche Abstand ist, je schwieriger wird erfahrungsgemäß ein repräsentativer Überblick. Warum etwa fand Kôko Katô keine Erwähnung? Hat sie sich doch nicht nur als rege Haiku-Dichterin – nun schon im hohen Alter –, einen Namen gemacht, sondern auch als langjährige Herausgeberin der Haiku-Zeitschrift Kô, dann auch als die der verdienstvollen, japanisch-englischen Anthologie zum modernen Haiku in Japan A Hidden Pond in Zusammenarbeit mit David Burleigh (1997) oder als Autorin der japanischen Sektion in der zeitgenössischen Welthaiku-Anthologie A Vast Sky von Bruce Ross (2015). Blieb sie deshalb unberücksichtigt, weil sie zu sehr als Vertreterin des traditionellen teikei-Haiku gilt? Aber wieso stellt sich Kaneko Tôta selbst so bieder dar (Auf Wein verzichten?! Wie? / Was bleibt mir an Begierden / noch zum Spielen übrig?), wenn er einem doch umso progressiver vor Augen steht (Wenn die Pflaumenbäume blühen / füllt sich der Garten / mit blauen Haien1)?

Die Übersetzungen scheinen mir aus der Sicht eines Nichtjapanologen durchweg gut gelungen. Nur zwei Kleinigkeiten fielen mir bezeichnenderweise am wohl berühmtesten Haiku, Bashôs Frosch-Haiku, auf (Der alte Teich! / Ein Frosch springt rein / das Wasser gluckst) : Bei den zahlreichen Übersetzungen, die mir bekannt sind, ist mir noch nie das klangnachahmende Verb „glucksen“ begegnet. Chapeau! Eine gute Idee, die insbesondere den Möglichkeiten der deutschen Sprache gerecht wird. Dafür stört mich sowohl die umgangssprachliche Kurzform „rein“ anstelle von „hinein“ als auch die dadurch sogar noch entstandene gleiche Anzahl von jeweils 4 Silben. Wo doch gerade die Asymmetrie ein charakteristisches Merkmal in der gesamten japanischen Kunst und Kultur darstellt. Im Übrigen sollte die Mittelzeile generell als die längere in Erscheinung treten.

Nun aber zur wichtigsten Erkenntnis und Lehre dieses Buches: Gerade die Fülle der Beispiele, die aufzeigen, unter welch besonderen Umständen man in Japan (ge)lebt (hat), welchen Traditionen man sich ständig bewusst ist, welch andere Gefühle und Stimmungen sich daraus ergeben, machen den einzigartigen Wert dieser Publikation aus. So erweisen sich die jeweiligen Kommentare zu den einzelnen Haiku nicht nur als erhellend, sondern als geradezu erforderlich, um nicht zu vordergründigen Trugschlüssen zu kommen, viele der Texte seien einfach nur banal und nichtssagend. Daraus ergibt sich als weiterer Schluss, dass es müßig ist zu glauben, dem Haiku in seiner ganzen Japanizität nacheifern zu können. Weder im Hinblick auf eine strenge Nachahmung der zugrundeliegenden 5-7-5-Morenstruktur – Silben sind noch weniger ein adäquater Ersatz – geschweige denn auf das Jahreszeitenwort (kigo) in seiner ursprünglichen Wertigkeit mit viel größerem Bedeutungsumfang und erst recht nicht im Hinblick auf das Schneidewort (kireji) als strukturell-emotionale Wortkomponente lässt sich kaum mehr als eine Annäherung erreichen. Interessant festzustellen, dass sich andererseits alle inhaltlichen oder formalen Aspekte meiner sogenannten Grundbausteine des Haiku in den Beispielen dieser Anthologie wiederfinden lassen. Grundsätzlich gilt es nach wie vor, ganz im Geiste des Haiku die Welt immer wieder mit neuen Augen zu entdecken.

Eine Neuerscheinung, die sich jeder Haiku-Liebhaber zu Gemüte führen sollte, um sein Verständnis für diese besondere Gedichtform zu schärfen und ein gesundes Selbstvertrauen für seinen eigenen Weg zu finden.
Klaus-Dieter Wirth

1 – Eigene Übersetzung nach einer französischen Vorlage von Corinne Atlan und Zéno Bianu

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