Reinhard Dellbrügge (in: Sommergras95)

Nebel

Von der Sonne ist nur noch ein schmaler orangefarbener Streifen am Horizont zu sehen. Am klaren Himmel leuchtet eine erst wenige Tage alte Mondsichel. Es ist schnell dunkel geworden, aber immer noch hell genug, um sich zurechtzufinden auf den Wegen, an deren Rändern vereinzelt schwarze Bäume stehen, die wie seltsame Schattenrisse aussehen. Über die Wasser- und Wiesenflächen breitet sich dichter Bodennebel aus. Er verfremdet die vertraute Landschaft, gibt ihr ein fantastisches Gesicht. Auch das verbliebene eigenartige Licht trägt zu der unwirklichen Atmosphäre bei. Die weißen Flächen, aus denen hier und
dort dunkel das Schilfrohr hervorschaut, erschweren die Orientierung. An einem Punkt meines Streifzugs frage ich mich, ob sich dort vor mir unter dem Nebel wohl Wasser oder fester Grund verberge, und versuche mich des normalen Aussehens dieses Ortes zu entsinnen. Bald darauf werden die hellen Ebenen plötzlich selber gewässerähnlich; Unterschiede beginnen zu verschwimmen, sich aufzulösen.
Menschenleer und magisch ist die Landschaft, durch die ich gehe, begleitet von den Lauten der Wasservögel. Die Nebel steigen. Oft bleibe ich stehen, um die erstaunlichen Bilder, die sich in andauernder langsamer, mehr spür- als erfassbarer Bewegung befinden, in mich aufzunehmen, sie mitzunehmen. Die Maler der Romantik kommen mir in den Sinn. Die Natur überbietet gern menschliche Werke.
Irgendwann stehe ich an der Abzweigung, die zur Straße hinführt. Dieser Weg verschwindet nach etwa fünfzig Metern in einer Nebelbank. Ich durchquere sie in dem Gefühl, eine Grenze zu überschreiten – um zurückzukehren in die vermessene Welt.

Anfang Oktober –
nun beginnen die Nebel
wieder zu zaubern.

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Erscheinungsjahr: 2011
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