Ruth Franke (in: Sommergras79)

Der bunte Vogel

Der Vorhang fällt
vor reglosen Krähen
Schnee ohne Ende

Vier Kinder mit großen Schlitten stapfen durch das Flockentreiben.
Der Weg ist kaum zu erkennen, das Postamt des entlegenen Dorfes im Oberharz noch weit. Es ist Heiligabend 1944, im letzten Kriegswinter.
Immer mehr Schlittenkinder, auch Jugendliche, kommen hinzu, alle mit dem gleichen Wunsch: ein Päckchen von daheim.

In Trümmern die Stadt
mit den Fachwerkhäusern
noch steht unser Haus

Die Zwölfjährige denkt an den Vater. Ob er in Russland sehr friert? Schon lange kam kein Feldpostbrief mehr.
Der Rückweg, obwohl bergan und mit Päckchen beladen, geht schneller. In der kleinen Pension ist der riesige Tannenbaum geschmückt mit gebastelten Sternen und bunten Ketten. Vor ihm die Klassenlehrerin der Quarta, jetzt ihre Heimleiterin. Die beiden BDM-Helferinnen1 stimmen ein neues Weihnachtslied an: »Hohe Nacht der klaren Sterne«.
Endlich auspacken! Zum Vorschein kommen eine Tüte selbstgebackene Spekulatius, sicher von Lebensmittelmarken abgespart, einige Fleischbrühwürfel, zum Lutschen anstelle von Bonbons, dann ein Buch aus Vaters Bibliothek, Ernst Wiechert. Ganz unten, sorgfältig eingepackt, ein bunter Vogel mit langem Schwanz, in vielen Farben schillernd. Der Christbaum daheim: rote Kugeln, Goldlametta und mittendrin der Vogel…
Später als sonst gehen wir auf unsere Zimmer mit den Doppelstockbetten. Der bunte Vogel liegt neben meinem Kopfkissen, doch der Schlaf bleibt lange fern.

Strohgeriesel
über mir
schwere Träume

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Erscheinungsjahr: 2007
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