Angelika Holweger (in: Sommergras99)

Drei Tage, drei Nächte

Unser Klavier, frisch gestimmt, steht endlich in der Kreuzbergkapelle.
Dieser Transport über den holprigen Waldweg war nicht einfach. Während ich Gläser mit weißen Kerzen verteile und eine Campingleuchte für die Notenblätter behelfsmäßig an einer Betbank festbinde, übt mein Mann schon die ersten Töne. Wir haben bereits Mitte August und endlich mal richtig sommerliche Temperaturen.
Immer wieder kreisen meine Gedanken: War die Werbung gut?
Kommen auch Zuhörer? Schließlich ist dieser ungewöhnliche Konzertraum nur zu Fuß erreichbar. Doch schon am ersten Abend strömen überraschend viele Besucher herbei. Bekannte Gesichter, aber noch mehr fremde. Manche finden in der mit Kerzen beleuchteten Kapelle Platz, andere bleiben draußen und setzen sich einfach ins warme Gras.
Allmählich geht die Sonne unter, das Firmament wird pastellfarbig.
Mein Mann spielt unermüdlich aus dem „Wohltemperierten Clavier“, Teil I und II von J. S. Bach, Stück um Stück. Es wird dunkler, Sterne, immer mehr Sterne füllen den Himmel. Die Luft ist lau. Wundervolle Klänge von drinnen vermischen sich mit den ungewohnten nächtlichen Lauten aus der Natur. Die Menschen bleiben stundenlang, hören gebannt zu, genießen die Stimmung, das Wiedersehen mit Freunden und auch meine selbst gebackenen „Mutschele“ verschwinden schnell in fremden Bäuchen. Einige Musikliebhaber kommen an den nächsten beiden Tagen wieder und bleiben sogar über Nacht, bis der Pianist in den frühen Morgenstunden erschöpft, aber glücklich, sein Instrument abschließt.

Sternschnuppen
die Himmel
applaudieren

Ein uns bekannter katholischer Priester, der zu später Stunde schwer atmend den Kreuzweg hochsteigt, spricht leise von „Laurentiustränen“.

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Erscheinungsjahr: 2012
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