Regina F. Fischer (in: Sommergras84)

Advenire

Kurz vor der Adventszeit hatte ich meinen letzten Untersuchungstermin nach sieben Chemo-Zyklen. Dankbarkeit strömte aus unseren Herzen. Es war geschafft! Mein Mann – Fels in der Brandung mehr denn je in diesem schicksalsreichen Jahr – und ich folgten unserer inneren Stimme der Danksagung und suchten die Kapelle des Franziskushospitals auf.
Heller Gesang empfing uns aus dem Halbdunkel dieser kleinen Gebetsstätte. Eine Anzahl Kerzen flackerte und umgab fast mystisch die Mutter Gottes. Und immer wieder wurde diese Dunkelheit durch eine glockenreine Stimme unterbrochen und bereichert, dann wieder der Inhalt wie ein Mantra betont.
Auf einer der wenigen Bänke kniete ein Engel. Er verstummte, als er sich nicht mehr allein wusste. Beim andächtigen Kerzenanzünden blickte ich bewegt zu »ihr«.
»Wir haben Sie in Ihrem wunderschönen Gesang gestört«, bekannte ich leise.
»Ich wollte Sie nicht stören«, einfühlsame Worte an diesem tristen Novembermorgen.
»Im Gegenteil«, mein Mann und ich gaben ihr zu verstehen, wie sehr uns ihr Gesang berührt hatte.
Ich erklärte ihr voller Freude, dass ich vor dem Abschluss meiner schweren Chemo-Therapie stünde. Mit Nervenschäden an Händen und Füßen. Taxol.
»Ihre Situation kann ich nachempfinden. Mein Mann hatte auch Krebs.«
Es folgte ein betroffener Blick meinerseits mit der vorsichtigen Frage, ob er überlebt habe. »Mein Mann lebt.«
Nach diesen wenigen Minuten hob sie wieder an zu singen.
»Und gib, dass wir dich heute noch erkennen …«
Ihr gesungenes Band verknüpfte die Schicksale zweier Menschen, erinnerte ferner an etwas, das wir in unserem Alltag nicht mehr suchten, geschweige denn, zu finden hofften.
Beim Abschied kreuzten sich unsere Blicke.

In der Dunkelheit –
eine Stimme
mit Flügeln

Der Untersuchungstermin rückte nun heran. In einer Nische des Krankenhauses wollten wir das soeben Erlebte fest in unsere Herzen einpflanzen.
Im Vorübergehen nahm ich die Pfarrnachrichten des Pastoralverbundes Bielefeld-Mitte mit.

»Heilige
sind Menschen, durch die
die Sonne scheint …«,

lautete die Überschrift. Diesen Zauber eines Augenblicks durften wir erleben. Fast ein Haiku.
Die Adventszeit hatte begonnen

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Erscheinungsjahr: 2009
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