Reinhard Dellbrügge (in: Sommergras96)

Nächtlicher Weg

Durch den am nördlichen Stadtrand liegenden Park geht ein einsamer Wanderer. Die Nacht ist längst hereingebrochen und die Temperatur merklich gesunken. Vor ein paar Stunden hat es wieder geschneit. Danach hat außer ihm niemand mehr aus seiner Richtung kommend den Park betreten. Die Fußspuren des voranstapfenden Wanderers sind die einzigen, die sich hier finden. Er ist schon eine Weile unterwegs. Nun bleibt er stehen. Vor ihm liegt ein weites Schneefeld, dessen Ränder von Bäumen und Sträuchern gesäumt sind, alle in strahlendem Weiß. Die Luft regt sich nicht. Es herrscht völlige Windstille. Selbst auf den kleinsten Zweiglein hat sich der Schnee gehalten. Und auf allem liegt des Mondes kalter Glanz. Es ist außerordentlich hell. Kein Laut ist zu vernehmen. Der Wanderer steht wie gebannt. Die Grenze zwischen Traum und Realität erscheint ihm plötzlich als unscharf. Er überlegt, ob er über das Schneefeld gehen sollte. Er zögert, fürchtet die Vollkommenheit dieser makellosen weißen Fläche zu zerstören. Aber seine Schuhe haben bereits Spuren hinterlassen, auf dem Fußweg, der nicht
mehr zu sehen ist und sich nahtlos in die Landschaft einfügt. Es gibt hier keinen Unterschied zwischen Gehwegen und den übrigen Flächen mehr. Es gibt nur viele mögliche Wege. Der Wanderer entscheidet sich, querfeldein zu gehen. Er stapft aufs Neue los. Tief sinkt er ein.
Unvermittelt überkommt ihn ein starkes und klares Gefühl der Verbundenheit mit allem, was ihn hier umgibt. Er gehört dazu, zu den Bäumen und Sträuchern, dem Schnee, dem Licht des Mondes, der klaren Luft, die er tief und nun auch ganz bewusst ein- und ausatmet, so wie alles dies zu ihm gehört. Ihm ist, als sei sein ganzes Wesen eins geworden mit der Helligkeit und Stille dieser Nacht.
Verwundert und beschwingt setzt er seinen Weg fort.

Beim Überqueren
des Schneefeldes: so wahr des
Mondes kalter Glanz.

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Erscheinungsjahr: 2012
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