Reinhard Dellbrügge (in: Sommergras100)

Schwankende Riesen

Der Regen peitscht und prasselt gegen die Fensterscheiben. Wenn es blitzt, ist es taghell; rumpelnde und knallende Donnerschläge folgen unmittelbar darauf. Sie haben mich geweckt. Ich schaue, noch verschlafen, nach rechts, zum Fenster. Vor dem Hintergrund eines gelblich – düsteren Himmels zerrt der in Böen ums Haus sausende, dumpf heulende Wind an den kahlen Zweigen des alten Kirschbaums. Sie widerstehen ihm auf eigentümlich starre Weise und können doch nicht ganz standhalten. So durchfährt sie bei jedem Windstoß ein Zittern.
Während ich den Zweigen zuschaue, nehme ich seitlich neben dem Fenster huschende Schatten und schleifende Geräusche wahr. Mich aufsetzend, erkenne ich hinter dem Glas der Balkontür mir gegenüber die geschwungenen Äste der gewaltigen Fichte, welche das Haus weit überragt und nun im Sturmwind schwankt. Ihre Äste bewegen sich wie zahllose Arme, die wild und ziellos um sich schlagen. Einige treffen immer wieder die Hauswand und die Brüstung des Balkons.
Ich stehe auf und gehe zum Fenster. In den Nachbargärten schwingen die dem wütenden Wind ausgesetzten hohen, dunklen Nadelbäume weit ausholend hin und her. Sie wirken auf mich wie eine verstreute Versammlung entrückter, wunderlicher Riesen.
Ich sehe ihr eine Weile zu. Dann tappe ich zurück zum Bett.

Zum Jahresanfang –
aus sicherem Gehäuse
Blick in den Sturm.

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Erscheinungsjahr: 2013
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