Haiku-und Tanka-Auswahl März 2022

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Es wurden insgesamt 244 Haiku von 87 Autoren und 68 Tanka von 35 Autoren für diese Auswahl eingereicht. Einsendeschluss war der 15. Januar 2022. Diese Texte wurden vor Beginn der Auswahl von mir anonymisiert.

Jedes Mitglied der DHG hat die Möglichkeit, eine Einsendung zu benennen, die bei Nichtberücksichtigung durch die Jury auf einer eigenen Mitgliederseite veröffentlicht werden soll.

Eingereicht werden können nur bisher unveröffentlichte Texte (gilt auch für Veröffentlichungen in Blogs, Foren, inklusive die Foren auf HALLO HAIKU, sozialen Medien und Werkstätten etc.).

Bitte keine Simultan-Einsendungen!

Bitte alle Haiku/Tanka gesammelt in einem Vorgang in das Online-Formular auf der DHG-Webseite HALLO HAIKU selbst eintragen:

Juniauswahl: Einsendeschluss 15. April 2022

Ansonsten per Mail  an:

auswahlen@deutschehaikugesellschaft.de

Der nächste Einsendeschluss für die Haiku-/Tanka-Auswahl ist der 15. April 2022.

Jeder Teilnehmer kann bis zu sechs Texte – drei Haiku und drei Tanka – einreichen.

Mit der Einsendung gibt der Autor/die Autorin das Einverständnis für eine mögliche Veröffentlichung in der Agenda der DHG und auf http://www.zugetextet.com/sowie für eine mögliche Vorstellung auf der Website der Haiku International Association.

 

Haiku-Auswahl der HTA

Die Jury bestand aus Reinhard Dellbrügge, Claus Hansson und Birgit Heid. Die Mitglieder der Auswahlgruppe reichten keine eigenen Texte ein.

Alle ausgewählten Texte – 46 Haiku von 35 Autoren – werden in alphabetischer Reihenfolge der Autorennamen veröffentlicht. Es werden max. zwei Haiku pro Autor aufgenommen.

„Ein Haiku, das mich besonders anspricht“ – unter diesem Motto besteht für jedes Jurymitglied die Möglichkeit, bis zu drei Texte auszusuchen (noch anonymisiert), hier vorzustellen und zu kommentieren.

Da die Jury sich aus wechselnden Teilnehmern zusammensetzen soll, möchte ich an dieser Stelle ganz herzlich alle interessierten DHG-Mitglieder einladen, als Jurymitglied bei kommenden Auswahl-Runden mitzuwirken.

Peter Rudolf

 

 

Ein Haiku, das mich besonders anspricht

Betongarten
am Baum aufgehängt
drei Meisenknödel

Taiki Haijin

Nach herkömmlichem Verständnis handelt es sich bei einem Garten um ein begrenztes, meistens zu einem Haus gehörenden Stück Land, auf dem allerlei Pflanzen wachsen und gepflegt werden. Die Bezeichnung „Be­tongarten“ stellt, wenn sie für ein Grundstück steht, auf dem ein Großteil des Erdbodens zubetoniert ist, einen Widerspruch in sich selber dar.

Offenbar bezieht sich das Haiku auf einen solchen „Garten“. Doch der Beton ist nicht überall, ein Stückchen wurde ausgespart, und dort steht ein einsamer Baum. An ihm hängen drei Meisenknödel. Sie deuten, versteht man „Meisenknödel“ als Jahreszeitenwort (kigo), auf den Winter hin, dessen Kälte der des Betons entspricht. Aber vielleicht hängen sie auch ganzjährig dort, da in diesem „Garten“ das Nahrungsangebot für Vögel nicht allzu üppig ausfallen dürfte.

Der Besitzer des Grundstücks schätzt höchstwahrscheinlich seine pfle­geleichte Bodenversiegelung, gleichzeitig aber fühlt er sich genötigt, eine Kompensationsleistung zu erbringen. So hängt er Meisenknödel auf, gleich drei auf einmal. Damit ist kein Ausgleich geschaffen, er hat weitaus weniger gegeben als genommen, jedoch sein Gewissen beruhigt.

Ausgewählt und kommentiert von Reinhard Dellbrügge

 

Hochzeitstag am Meer –
das einsilbige Schmatzen
des Brackwassers

Klaus Kornexl

Wie romantisch! Ein Hochzeitstag im Anblick unendlicher Weiten. Auf einer noblen Restaurant-Terrasse und mit einem Cocktail in der Hand sich gegenseitig Küsschen zuwerfend.

Doch weit gefehlt! Es wird einsilbig. Brackwasser schwappt hin und her. Man befindet sich nicht auf einer Terrasse, sondern an einer Stelle, an der sich Süß- und Meerwasser mischen, an einem Grenzbereich. Brack­was­­serzonen sind spezielle ökologische Bereiche. Das Geräusch des Schmatzens lässt mich an Moore oder Tümpel denken. Jedenfalls ist Be­we­gung im Spiel, vermutlich von Meereswellen verursacht. Ein Impuls mit gleichbleibendem Rhythmus.

Eine Parallele zu dem Ehepaar drängt sich auf. Tagaus, tagein dieselben Bewegungen und Begegnungen. Doch wenn man dem Schmatzen lauscht, um seine Einsilbigkeit festzustellen und zu bestätigen, so wird man wo­möglich nach einer gewissen Zeit feine Unterschiede erkennen. Nuancen, die das Schmatzen unterscheidbar machen. Vielleicht hat das Paar die Mu­ße, um herauszufinden, ob das Geräusch wirklich einsilbig ist oder ob es doch verschiedene Spritz-, Klatsch- oder Schmatzgeräusche aufweist. Ich denke dabei an Wahrnehmungsspiele mit meinen Kindern. Mag sein, dass die scheinbare Einsilbigkeit des Brackwassers dem Paar auf die Sprünge hilft, seine Alltagsvariationen zu entdecken. Vielleicht wünscht es ein ruhigeres oder ein stürmischeres „Meer“ als Impulsgeber. Letztendlich kön­nte es für sich erkunden, wer das salzige und wer das süße Element ist, und dass sie sich nur gemeinsam zu „Brackwasser“ ergänzen. Zu jenem Bereich also, der von einer großartigen Lebenswelt besiedelt wird, welche den Ausgleich des osmotischen Drucks beherrscht. Ich ziehe für mich den Schluss, dass es im Leben gilt, bei der Bewertung von Beobachtungen genau hinzuhören! Klasse!

Ausgesucht und kommentiert von Birgit Heid

 

Barbarazweige –
unsere Wege trennen sich

Ramona Linke

Die Schlichtheit und die Sprachmelodie dieses Haiku haben mich beim Lesen sofort angesprochen. Der Brauch, im Dezember Zweige von Obstbäumen zu schneiden und sie in der Wohnung in einer Vase aufzustellen, ist vielerorts bekannt. Die Zweige sollen bis zum Heiligen Abend blühen und zum Weihnachtsfest die Wohnung schmücken.
Der Brauch geht auf eine Überlieferung von der Heiligen Barbara zurück, nach der sie auf dem Weg in das Gefängnis mit ihrem Gewand an einem Zweig hängenblieb. Sie stellte den abgebrochenen Zweig in ein Gefäß mit Wasser, und er blühte genau an dem Tag, an dem sie das Martyrium erlitt. Sie wurde von ihrem Vater Dioscuros enthauptet, weil sie sich weigerte, ihren christlichen Glauben und ihre jungfräuliche Hingabe an Gott aufzugeben.
Eigentlich soll das Aufblühen der Barbarazweige Glück im kom-menden Jahr bringen. Eigentlich – aber das Haiku nimmt eine andere Wendung. Überraschend ist davon die Rede, dass sich die Wege zweier Menschen trennen. Eingestimmt durch die Überlieferung des Martyri-ums der Heiligen Barbara könnte es eine endgültige Trennung sein, aber das Haiku ist offen und ermöglicht auch die Deutung einer lediglich vorübergehenden Trennung.
Ein für mich sehr gelungenes Haiku, lässt es mich doch über einen alten und schönen Weihnachtsbrauch nachsinnen und erinnert mich gleichzeitig an die dunkleren Seiten des Lebens wie Tod und Trennung, ohne aber die Hoff¬nung ganz verlieren zu müssen.
Ausgesucht und kommentiert von Claus Hansson

 

Neujahrsmorgen –
der Weg vor mir
noch ohne Spuren

Sabina Ptascheck

Ein neues Jahr beginnt. Es hat geschneit, die Landschaft liegt unter einer frischen Schneedecke. Der sich unter ihr abzeichnende Weg weist noch keine Fuß- oder andere Spuren auf. Bald wird er begangen werden, bald wird auch das neue Jahr nicht mehr ganz neu sein.

Dies ist eines der Bilder, die der Leser beim ersten Lesen des Haiku imaginieren und sich ausmalen könnte. Es ist, wie auch andere sich anbietende „Einstiegsbilder“, ein raumbezogenes und als solches auch ein recht statisches. Es liegt nahe, das sinnlich-anschauliche, dem Raum verhaftete Bild ins Zeitliche, Abstraktere zu übertragen.

An die Stelle einer Landschaft tritt nun die nicht festgelegte Zukunft, aus einem eher statischen Bild wird ein entschieden dynamisches – ein Bedeutungswechsel, der weit über die bekannten „guten Vorsätze“ fürs neue Jahr hinausführt. Der Wille, Spuren zu hinterlassen, der Zukunft den eigenen Stempel aufzudrücken, sowie die Aufgeschlossenheit auch dem Wag­nis des ganz Neuen gegenüber übernehmen nun die Regie. Verlockung und Abenteuer kündigen sich an am Horizont.

Der Weg und die Spuren, vom Räumlichen abgelöst, stehen in der Vagheit ihrer übertragenen Bedeutung für die bewusste Offenheit und damit Freiheit der individuellen Zukunft. Diese Offenheit so genau wie möglich in drei kurzen Zeilen eingefangen zu haben, stellt das Kunststück dar, welches dem hier besprochenen Haiku gelungen ist.

Ausgewählt und kommentiert von Reinhard Dellbrügge

 

Nebel
kein Wort
wo ich bin

Sebastian Salie

Sechs Worte. „Kein Wort“, also nichts oder fast nichts gesagt. Hier wird geflüstert. Mit einer vertrauten Person, die Bescheid weiß, worin das Geheimnis besteht. Wo sich der andere Mensch aufhalten, im Nebel verschwinden wird. Es wird nichts zu der Ursache des klandestinen Ortswechsels gesagt, aber das ist nicht erheblich. Bedeutsam ist, dass es einen gravierenden Anlass geben muss, das bis dahin Erlebte zu unterbrechen.

Die Autorin oder der Autor des Haiku verfügt über eine große Schreiberfahrung. Es ist hohe Kunst, mit einer solchen Lakonie ein völlig unbenanntes Lebensdrama zu skizzieren. Großartig!

Ausgesucht und kommentiert von Birgit Heid

 

winternacht
an meinem fenster
ein licht ertasten

Helga Stania

Dieses Haiku macht mich stutzig. Beim ersten Lesen verstehe ich es kaum. Was bitte ist gemeint? Noch einmal langsam: in einer Winternacht am eigenen Fenster. Vermutlich ist es dunkel, das Fenster, das Zimmer. Was hat man in der Winternacht an seinem Fenster zu tun? Das sind die ersten Fragen, die mich beschäftigten. Ich nehme an, die Person ist erwacht und möchte das Licht anschalten. Jedoch ein Licht zu ertasten ist gemeint, nicht etwa einen Schalter. Wie ist es möglich, an seinem Fenster ein Licht zu vermuten? Der Eindruck dieses Haiku läuft auf Verwirrung hinaus. Diese wenigen Worte nehmen mich derart gefangen, dass ich bei dem Versuch, die Lösung zu finden, bereits beginne, ein wenig Mitleid mit der Person zu entwickeln, weil sie etwas tut oder möchte, was aus dem Rahmen fällt. Handelt es sich um eine Person, die mit viel Fantasie ausgestattet, gelegentlich selbst aus dem Rahmen fällt? Um ein Glühwürmchen kann es sich definitiv nicht handeln.

Ich frage mich, wie es möglich sein kann, im winternachtdunklen Fenster des eigenen Zimmers ein tastbares Licht zu vermuten. Wenn es sich spiegeln würde, wäre das Zimmer wahrscheinlich von einer Lampe erhellt, deren Schein sich im Fenster wiederfindet. Dies scheint in meinen Augen jedoch nicht der Fall zu sein. Bestenfalls leuchtet ein Handy oder ein Ladegerät und spiegelt sich im Fenster. Doch weshalb sollte man es ertasten wollen?

Ich könnte mir vorstellen, es handele sich um eine Person, die aus Alters- oder Krankheitsgründen verwirrt ist und in den eigenen vier Wänden nicht mehr gut zurechtkommt. Die sich womöglich am Ende ihres Lebens wähnt und sich nach dem vielzitierten Licht sehnt, dessen sie sich vergewissern möchte. Dieses Licht leuchtet vielleicht von außen herein.

Möglicherweise handelt es sich aber auch nur um die Irritation nach einer durchzechten (Silvester-)Nacht und man fühlt sich sterbenselend. Oder um die Nachwirkung eines Traumes.

Es gibt keine eindeutige Lösung. Das macht das Haiku mit seiner Dramatik offen für viele Gedanken. Erkennbar wird, wie schmal der Grat des „Normalverhaltens“ ist und welch kleine Variationen zu Grübelei, Abgrenzung oder Stigmatisierung führen können. Vier der sieben der Wörter des Haiku können als Metaphern gesehen werden: die Winternacht für das Lebensende, das Fenster für die andere Welt, das Licht für das Leben (wie auch Goethes angebliche letzte Worte „mehr Licht“), das Tasten als zaghafte Annäherung. Da laufen mir dann doch ein paar Schauer über den Rücken.

Ausgesucht und kommentiert von Birgit Heid

 

Die Auswahl

harscher Schnee
die Klangspur mitnehmen
ans Lagerfeuer

Christa Beau

dass sie ihn nicht vergessen
der Opa heute
besonders witzig

Martin Berner

Elternabend
einige rächen sich
für damals

Martin Berner

Danke für alles
sie küsst die Luft
neben meinen Wangen

Christof Blumentrath

Soundcheck
ich gebe ihr die Antwort
die sie hören will

Christof Blumentrath

der Schleuser
sprach doch von Wohlstand …
abnehmender Mond

Claudia Brefeld

Spiegelbild –
in Vaters Falten suche ich
Mutters Lächeln

Claudia Brefeld

Fäule schneiden
aus einem Apfel
du und ich

Horst-Oliver Buchholz

Mädchenhaar
noch einmal streift mich
dieser Wind

Stefanie Bucifal

Totholz
ich lasse dich
los

Stefanie Bucifal

energisches Baby
die Mutter an der Wiege
eingeschlafen

Xiaoou Chen

Schaufensterpuppe
wie gut ihr
der Frühling steht

Frank Dietrich

Abrisshaus
der Mond scheint
durch alle Ritzen

Hildegard Dohrendorf

Post aus Dublin
gut verpackt zwischen den Zeilen
dein Lachen

Hildegard Dohrendorf

Aprilschnee
wir wollten doch noch
tanzen lernen

Bernadette Duncan

Bernsteinring
die Kleine spricht Polnisch
mit der Mücke

Petra Fischer

schmelzender Schnee
all die Worte
die ich nie schrieb

Petra Fischer

auf dem Spiegel
eine Fliege
wie eitel sie ist

Gregor Graf

ein rabe
noch ein rabe
und regen

Matthias Gysel

Pendelverkehr.
Sie schminkt sich
das blaue Auge weg.

Matthias Gysel

Betongarten
am Baum aufgehängt
drei Meisenknödel

Taiki Haijin

Fernreise
seine Langeweile war
wieder schneller

Taiki Haijin

Patina …
in beiden Händen geborgen
die Schale mit dem Sprung

Gabriele Hartmann

Fallende Blätter –
Auf ihren Beinen
sprießen die Haare

Deborah Karl-Brandt

Morgennews –
Im Adventskalender
Gute-Laune-Tee

Deborah Karl-Brandt

Hochzeitstag am Meer –
das einsilbige Schmatzen
des Brackwassers

Klaus Kornexl

zum dritten Mal
die Welt entdecken –
mit der Enkelin

Gérard Krebs

Den Kirschblütenzweig
möchte ich gern abbrechen –
aber das Summen …

Moritz Wulf Lange

Im Sperrmüll
das ungewollte
Kirmesglück.

Hanne Leese

 

Altjahresabend …
wir tauchen ein ins Flackern
eines fernen Sterns

Ramona Linke

Barbarazweige –
unsere Wege trennen sich

Ramona Linke

Heimaufnahme
plötzlich fremd
ohne Perücke

Ruth Karoline Mieger

Blütenmeer
unterm Fenster
lacht ein Kind

Ulrike Müller

aufgebahrt
unser Freund zum ersten Mal
ordentlich gekämmt

Eleonore Nickolay

Winterregen
ich lausche dem Meer
in der Muschel

Eleonore Nickolay

Frühjahrsputz;
seine Fingerabdrücke
entfernt

Kamil Plich

Der Frühling
ist in meinen Garten gehüpft
gezwitschert hat er dabei

Gisela Plohnke

Neujahrsmorgen –
der Weg vor mir
noch ohne Spuren

Sabina Ptascheck

noch immer
bessere Tage erwartend –
der Fluss im Nebel

Dragan J. Ristić

nach dem lauten Streit
das stumme Hadern
mit ihrem Spiegelbild

Wolfgang Rödig

Nebel
kein Wort
wo ich bin

Sebastian Salie

Amphitheater
in Pompeji gibt ein Paar
sein eignes Drama

Frank Sauer

wachsrose
du sagst mir
nichts von liebe

Birgit Schaldach-Helmlechner

Besuch bei Oma
aus der Kaffeemühle steigt
der Duft der Kindheit

Marie-Luise Schulze Frenking

winternacht
an meinem fenster
ein licht ertasten

Helga Stania

Schleudergefahr
in den Spurrillen
der Vergangenheit

Brigitte ten Brink

 

 

Tanka-Auswahl der HTA

Silvia Kempen und Martin Thomas wählten 8 Tanka von 6 Autoren aus. Alle ausgewählten Texte werden in alphabetischer Reihenfolge der Autorennamen veröffentlicht. Es werden maximal zwei Tanka pro Autor aufgenommen.

„Ein Tanka, das mich besonders anspricht“ –

unter diesem Motto besteht für die beiden Jurymitglieder die Möglichkeit, bis zu drei Texte auszusuchen (noch anonymisiert), hier vorzustellen und zu kommentieren. Diesmal wurde ein Text ausgewählt.

 

Ein Tanka, das mich besonders anspricht

wie ich so ging
durch die Straßen der Stadt
fand ich die Menschen
verschlossen – selbst mein Spiegelbild
gab meinen Gruß nicht zurück

Gabriele Hartmann

Eines zeigt die Tanka-Auswahl dieser Ausgabe meines Erachtens deutlich: Gelungene Tanka vermögen ihre Leserschaft auf verschiedene Weise in den Bann zu ziehen. So ist es manchmal eine spezielle Form der Wortakrobatik, die einen besonderen Reiz ausstrahlt. In anderen Fällen bestechen gelungene Tanka vor allem durch eine humoristische Note, welche ein Augenzwinkern bei den Leserinnen und Lesern hervorruft. Wieder andere Werke überzeugen in erster Linie durch die Transponierung natürlicher Phänomene in die Sphäre der menschlichen Lebenswirklichkeit. Das vorliegende Gedicht hat mich persönlich jedoch aus einem völlig anderen Grund angesprochen: Es ist die Dichte der erzeugten Atmosphäre, die mich sofort fasziniert hat.

Thematisch zu verorten im Bereich der (Groß-)Stadtlyrik, schildert der Fünfzeiler einen Gang durch die Straßen einer nicht näher bestimmten Stadt. Auf diesem Gang begegnen dem lyrischen Ich augenscheinlich zahlreiche Menschen. Diese Menschen erzeugen jedoch nicht das Gefühl belebter Straßen, sondern hinterlassen aufgrund ihrer Verschlossenheit, die sich in abwendenden Blicken, reglosen Mienen oder fehlenden Unterhaltungen zeigen mag, eher einen dystopisch-melancholischen Eindruck. Dabei nimmt sich das lyrische Ich keineswegs aus: Genauso wie es die anderen Menschen als verschlossen wahrnimmt, stellt es diese Verschlossenheit auch bei sich selbst fest. Ob es hierbei ein Schaufenster, eine Regenpfütze oder etwa eine Autoscheibe ist, in welchem es sein freudloses Spiegelbild betrachtet, bleibt dabei der Fantasie der Leserschaft überlassen.

Sprachlich lebt dieses Tanka insbesondere vom ausgesprochen geschickt platzierten Enjambement zwischen der dritten und vierten Zeile. Durch die auf diese Weise erzwungene Atempause entfaltet die Feststellung, dass die Menschen, denen man auf den Straßen begegnet, in sich gekehrt sind, eine umso größere Wirkung. Dabei unterstreicht dieser Zeilensprung gleichzeitig in gewisser Weise aber auch die Sehnsucht nach Kontaktaufnahme und nach einer Änderung dieses Zustands – schließlich lässt die Mehrdeutigkeit des Verbs „finden“ auch eine gezielte Suche nach anderen Menschen zu, die sich erst mit Beginn der vierten Zeile als hoffnungslos offenbart. So begegnet das lyrische Ich zwar physisch anderen Menschen, kann auf emotionaler Ebene jedoch keine Verbindung zu ihnen aufbauen.

Was die Bedeutung des Textes betrifft, so handelt es sich für mich unweigerlich um ein Porträt unserer gegenwärtigen Zeit. Seit dem Beginn der Corona-Pandemie hat sich unser aller Leben verändert, sind die Gräben in unserer Gesellschaft breiter und tiefer geworden, haben wir alle etwas von der Unbeschwertheit vergangener Tage verloren. Die große Herausforderung, dieser Fragmentierung der Gesellschaft entgegenzuwirken, schwebt ebenso zwischen den Zeilen dieses Tanka, wie die Angst davor, irgendwann wieder dort Gemeinschaft zu suchen, wo sie augenblicklich zerbrochen zu sein scheint. Damit veranschaulicht das Gedicht nicht nur eindrucksvoll, wie tagesaktuell die Gattung als solche sein kann, sondern auch, welch wichtige Funktion Literatur als Form der ästhetischen Verhandlung sozialer Probleme und Fragestellungen in unserer Gesellschaft zukommt.

Ausgesucht und kommentiert von Martin Thomas

 

 Die Auswahl

ich nippe am Sekt
und zeige der Welt mein Lächeln
was niemand weiß
heute Nacht werde ich
Mata Hari sein
Christof Blumentrath

immer wieder
komme ich zu dir zurück
mein Leben
ist eine Langspielplatte
mit Kratzer
Christof Blumentrath

im Sternenhimmel
ganz anders verwirklicht
als ich dachte
mein Traum von
unermesslichem Reichtum
Frank Dietrich

das Frühlingslicht
wird halten was es verspricht
doch deine Worte
erfrieren – wie Kirschblüten
im letzten Schneeschauer

Gabriele Hartmann

wie ich so ging
durch die Straßen der Stadt
fand ich die Menschen
verschlossen – selbst mein Spiegel-bild
gab meinen Gruß nicht zurück

Gabriele Hartmann

erinnerst du dich
an die Eisdiele wo wir
uns damals trafen …
ein buntes Papierschirmchen
und der Tag war gerettet

Eva Limbach

Männer bei der Arbeit
der Hochschulprofessor
in seinem Heimbüro
philosophiert angeregt
mit dem Tapezierer

Wolfgang Rödig

aufgewacht
aus einem schlechten Traum
schläft neben mir
noch immer der Traum
meiner schlaflosen Nächte

Friedrich Winzer

 

 

Sonderbeitrag von René Possél

René Possél hat aus allen anonymisierten Einsendungen ein Haiku ausgesucht, das ihn besonders anspricht.

aufgebahrt
unser Freund zum ersten Mal
ordentlich gekämmt

Eleonore Nickolay

Mit einer eindeutigen Aussage beginnt das Haiku: „aufgebahrt“. Es geht um einen toten Menschen. Alle Assoziationen und Gedanken werden wahrscheinlich bestimmt sein von Tod und Trauer – oder?

„unser Freund zum ersten Mal“: Es ist ein naher Mensch, der da aufgebahrt und betrachtet wird. Das Possessiv-Pronomen „unser“ weist auf enge Freunde des Verstorbenen hin. Der zweite Teil der Zeile baut eine gewisse Spannung auf: „zum ersten Mal“.

Was geschieht hier zum ersten Mal? Genauer: Was könnte in einem Zusammenhang, in dem es um „die letzten Dinge“ geht, zum ersten Mal stattfinden?

Die Antwort in der dritten Zeile bringt, selbst in dieser todtraurigen Situation, den haikueigenen Humor zum Tragen: „ordentlich gekämmt“ ist ihr Freund beim letzten Sehen – und zwar zum ersten Mal, seit ihn die Freunde kennen …

Nun könnte Schluss sein. Das gelungene Haiku bringt einen humorvollen Blick sogar angesichts von Tod und Trauer.

Mir kommen Gedanken darüber hinaus:

Passt der Scheitel zum „unordentlichen“ (vielleicht eher chaotisch-kreativen) Freund? Könnte die Aufbahrung ihn nicht so belassen, wie er tatsächlich war? Ist der Versuch, zuletzt Ordnung auch in den Tod eines nicht mehr lebenden, unordentlichen Menschen zu bringen, nicht eine Verdrehung der Tatsachen?

Was kommt nach dem Tod? Die Korrektur des Lebens, die Verfälschung der Wirklichkeit, die Beschönigung eines individuellen, ab­wei­chenden Menschen mit seiner eigenen Geschichte? Oder die Vollendung des Unvollendeten, die Ergänzung der Fragmente in einer anderen Ordnung, die „Aufhebung“ dieses einzigartigen Menschen, die liebevolle Heilung? Was kommt nach dem Tod?

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